Ausbildung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

Die hessische Chemiebranche erreicht bei der Besetzung ihrer Ausbildungsplätze eine Quote von 95 Prozent. Das ist ein erfreuliches Signal. Gleichzeitig geht das Ausbildungsplatzangebot deutlich zurück. Angesichts des demografischen Wandels könnte sich diese Entwicklung in wenigen Jahren rächen. Warum Unternehmen gerade jetzt an der Ausbildung festhalten sollten und weshalb neue Kooperationen und Ideen gefragt sind.

Auf den ersten Blick gibt es gute Nachrichten vom Ausbildungsmarkt der hessischen Chemie- und Pharmaindustrie: Mit einer Besetzungsquote von 95 Prozent schneiden die Unternehmen deutlich besser ab als das verarbeitende Gewerbe insgesamt (77 Prozent) oder die unternehmensnahen Dienstleistungen (65 Prozent). Die Ausbildungsangebote sind attraktiv, das Nachwuchsmarketing zeigt Wirkung und die Unternehmen finden junge Menschen, die sich für eine Ausbildung in der Branche entscheiden.

Doch die gute Besetzungsquote darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze deutlich zurückgeht. Ausbildungsbetriebe der hessischen Chemie boten insgesamt 1.258 Plätze an, was einem Rückgang von 16,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Auch in der kunststoffverarbeitenden Industrie ist die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze weiter gesunken.

Wirtschaftliche Krise hinterlässt Spuren

Diese Entwicklung kommt nicht überraschend. Die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie stehen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Produktionsrückgänge, hohe Energie- und Arbeitskosten, strukturelle Wettbewerbsnachteile sowie Stellenabbau und Standortschließungen prägen vielerorts die Situation. Wenn Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit zurückfahren müssen, bleibt das auch für die Ausbildung nicht ohne Folgen.

Dass die Übernahmequote nach der Ausbildung dennoch bei rund 85 Prozent liegt, ist unter diesen Bedingungen ein durchaus positives Signal. Der Rückgang der Ausbildungsplätze ist aus Arbeitgebersicht vor allem Ausdruck der wirtschaftlichen Krise – und nicht eines grundsätzlich nachlassenden Interesses der Unternehmen an der Ausbildung junger Menschen.

Damit die Betriebe wieder stärker in Ausbildung investieren können, brauchen sie bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Hohe Energiekosten, steigende Sozialabgaben und überbordende Bürokratie belasten die Wettbewerbsfähigkeit. Hier ist die Politik gefordert, mit entschlossenen Reformen gegenzusteuern.

Der demografische Wandel wartet nicht auf den Aufschwung

Gleichzeitig dürfen wir nicht übersehen, welche demografischen Herausforderungen noch vor uns liegen. Die Ruhestandswelle der Baby-Boomer wird den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren massiv verändern. Der Höhepunkt dieser altersbedingten Abgänge wird erst in etwa drei bis vier Jahren erreicht. Gleichzeitig kommen weniger junge Menschen nach. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Woher sollen die Fachkräfte kommen, die wir heute nicht ausbilden?

Ausbildung lässt sich nicht kurzfristig hochfahren wie eine Produktionslinie. Zwischen der Ansprache junger Menschen, dem Beginn einer Ausbildung und dem Einsatz als qualifizierte Fachkraft liegen mindestens vier Jahre. Wer also jetzt zu wenig ausbildet, wird die Konsequenzen spätestens 2030 und 2031 spüren – genau dann, wenn die demografische Herausforderung ihren Höhepunkt erreicht.

Die Perspektiven stimmen nachdenklich: Für 2027 planen 24 Prozent der Ausbildungsunternehmen, ihr Angebot weiter zu reduzieren. 67 Prozent wollen es stabil halten, lediglich neun Prozent rechnen mit einer Erhöhung.

Deshalb muss eine klare Botschaft an die Entscheiderinnen und Entscheider in den Unternehmen gehen: Ausbildung ist nicht nur ein wichtiger gesellschaftlicher Beitrag. Sie ist vor allem eine strategische Investition in die Zukunft des eigenen Unternehmens und unseres Wirtschaftsstandortes.

Die Herausforderungen sind groß

Es geht allerdings nicht allein um die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze. Wir müssen uns ebenso fragen, wie wir junge Menschen und ihre Eltern erreichen, Ausbildungsabbrüche vermeiden und vorhandene Potenziale besser nutzen können.

Die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger wird perspektivisch kleiner. Gleichzeitig benötigen immer mehr junge Menschen zusätzliche Unterstützung beim Übergang von der Schule in den Beruf und während ihrer Ausbildung. Dafür gibt es bereits geeignete Instrumente und Förderangebote der Agentur für Arbeit und der Chemie-Sozialpartner, die allerdings noch zu wenig genutzt werden.

Auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure kann einen wichtigen Beitrag leisten. Unternehmen, Berufsschulen, Ausbildungszentren, Arbeitsverwaltung, Gewerkschaften und Politik müssen noch stärker zusammenarbeiten. Möglicherweise brauchen wir an einigen Stellen auch neue Konzepte, mehr Flexibilität und eine bessere Vernetzung.

Gemeinsam neue Lösungen entwickeln

Wie wichtig der Austausch und die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure sind, zeigte sich am 3. November 2026 beim ersten Future LAB Ausbildung. HessenChemie und die IGBCE Hessen-Thüringen hatten gemeinsam auf den Provadis Campus in Frankfurt-Höchst eingeladen. Mehr als 60 Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Gewerkschaft und weiteren Bereichen der beruflichen Bildung nutzten die Gelegenheit, um über die Zukunft der dualen Ausbildung und des dualen Studiums zu diskutieren und neue Lösungsansätze zu entwickeln.

Dem Future LAB vorgeschaltet war der Runde Tisch für Ausbildungs- und Arbeitsmarktfragen. Damit wurde ein bestehendes Sozialpartnerformat gezielt um eine Plattform erweitert, die Raum für neue Ideen, konkrete Kooperationen und den Blick über etablierte Lösungswege hinaus bietet.

Auf der Agenda standen Zukunftsfragen rund um die duale Ausbildung, das duale Studium und die Förderprogramme des Unterstützungsvereins der chemischen Industrie (UCI). Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie Ausbildungshemmnisse abgebaut, vorhandene Potenziale besser erschlossen und Unternehmen bei ihren Ausbildungsaktivitäten und ihrem Nachwuchsmarketing unterstützt werden können.

Das Future LAB ist ein Beispiel für gelebte Sozialpartnerschaft. Denn bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven verbindet Arbeitgeber und Gewerkschaft ein gemeinsames Interesse: Wir brauchen eine starke duale Ausbildung und gut qualifizierte junge Menschen. Über die Wege dorthin und die Verantwortung der einzelnen Akteure müssen und wollen wir diskutieren.

Dazu gehört auch, vorhandene Unterstützungsangebote besser bekannt zu machen und zu nutzen. Ebenso wichtig ist es, neue Kooperationsmöglichkeiten zu erschließen und gemeinsam nach Wegen zu suchen, um mehr jungen Menschen einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.

Jetzt die Weichen für morgen stellen

Die wirtschaftliche Lage ist schwierig. Das Verständnis für notwendige Anpassungen in den Unternehmen ist groß. Dennoch dürfen wir gerade bei der Ausbildung nicht zu stark den Rotstift ansetzen. Wer heute seine Ausbildungsstrukturen gefährdet, riskiert morgen einen Mangel an qualifizierten Fachkräften, der sich nicht kurzfristig beheben lässt.

Dabei geht es auch um die Stabilität des gesamten Ausbildungssystems. Berufsschulen, Ausbildungszentren und Betriebe benötigen verlässliche Planungszahlen, um ihre Kapazitäten und Angebote langfristig aufrechterhalten zu können.

Wir sollten deshalb die aktuelle wirtschaftliche Schwächephase nicht zum Anlass nehmen, bei der Ausbildung dauerhaft zurückzufahren. Vielmehr müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass die duale Ausbildung auch in schwierigen Zeiten leistungsfähig und attraktiv bleibt – denn sie ist im internationalen Vergleich ein Wettbewerbsvorteil.

Eines ist klar: Fachkräfte, die uns morgen fehlen, können wir nicht erst übermorgen ausbilden.

Jürgen Funk

Jürgen Funk

Jürgen Funk ist Geschäftsführer Verbandskommunikation und politische Öffentlichkeitsarbeit beim Arbeitgeberverband HessenChemie. Er verfügt über eine 25-jährige Erfahrung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Verbänden, PR-Agenturen, Politik und Bundeswehr. Bei HessenChemie ist er darüber hinaus zuständig für die Berufsausbildungsthemen. Jürgen Funk ist Geschäftsführer des Arbeitskreises SCHULEWIRTSCHAFT Wiesbaden-Rheingau-Taunus und Aufsichtsratsmitglied der JOBLINGE gAG FrankfurtRheinMain.

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