Nach über 25 Jahren an zähen Verhandlungen trat am 1. Mai 2026 das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis Mercosur vorläufig in Kraft. Auch für die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie verbinden sich mit dieser Übereinkunft erhebliche Chancen, gerade vor dem Hintergrund eines sich grundlegend wandelnden internationalen Wirtschaftsumfelds.
Zu den Mercosur-Staaten, die von dem mit der Europäischen Union geschlossenen Handelsabkommen umfasst sind, zählen die Länder Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Im Jahr 2025 wiesen diese vier Volkswirtschaften eine Bevölkerung von rund 270 Millionen Menschen auf, die nominale Wirtschaftsleistung belief sich auf knapp 3,1 Billionen US-Dollar. Dies macht den Verbund in dieser Form zum achtgrößten Wirtschaftsraum der Welt.
Dies bietet auch der Chemie- und Pharmaindustrie große Chancen. 2025 importierten die Mercosur-Staaten aus aller Welt chemisch-pharmazeutische Produkte in einem Wert von insgesamt rund 81,1 Milliarden US-Dollar. Damit rangierte der Wirtschaftsraum im internationalen Vergleich ebenfalls auf dem achten Platz.
Rund 4,8 Milliarden US-Dollar entfielen hierbei auf Produkte aus Deutschland, was im letzten Jahr rund 1,7 Prozent der deutschen Chemie- und Pharmaausfuhren repräsentierte. Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich in diesem Zusammenhang auch für Hessen, von wo aus im letzten Jahr entsprechende Waren in einem Wert von rund 465 Millionen € in den Mercosur-Raum geliefert wurden. Dies war ungefähr gleichbedeutend mit den hessischen Ausfuhren nach Südkorea, und entsprach rund 1,8 Prozent der hessischen Chemie- und Pharmaexporte. Die wirtschaftliche Bedeutung der Mercosur-Länder war für den deutschen Chemie- und Pharmasektor bislang somit noch vergleichsweise gering.
Der im Zuge des Abkommens vereinbarte schrittweise Abbau von Zöllen und Abgaben, auch auf chemische und pharmazeutische Erzeugnisse, könnte dies ändern, einerseits über eine auf diesem Weg allgemein verbesserte Wettbewerbsposition gegenüber China und den USA. Gleichzeitig steigt im Mercosur-Raum aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums sowohl die strukturelle Importnachfrage nach Chemieprodukten, unter anderem in der Agrarindustrie, dem verarbeitenden Gewerbe oder der Bauwirtschaft, als auch nach Produkten der Pharmaindustrie. Zusätzlich bietet der Trend zur fortschreitenden Dekarbonisierung wirtschaftliche Anknüpfungspunkte, vor allem für Hersteller aus dem Bereich der Spezialchemie, wie beispielsweise bei Katalysatoren, Prozesschemikalien oder im Rahmen der Herstellung von Biokraftstoffen.
In diesem Kontext könnte das Abkommen auch dazu geeignet sein, die hohe wirtschaftliche Abhängigkeit von einzelnen Handelspartnern wie beispielsweise China zu verringern, durch den nachhaltigen Aufbau alternativer Handelsbeziehungen.
Das Freihandelsabkommen ist indes kein Allheilmittel für die strukturellen Herausforderungen, in denen die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie grundlegend steckt. Das allgemeine hohe Kostenniveau, die ausufernde Bürokratie oder auch die anhaltende Investitionsschwäche, um nur einige Beispiele zu nennen, bleiben wichtige wirtschaftspolitische Themen, für die Lösungen erarbeitet werden müssen.
Doch das Abkommen hat eine Tür in einen Wachstumsmarkt aufgestoßen, dessen zusätzliche wirtschaftlichen Impulse bei der Bewältigung dieser Aufgaben mittel- bis langfristig eine wertvolle Hilfe darstellen könnten.
Ruben Höpfer ist Diplom-Volkswirt und seit 2011 bei HessenChemie als Referent Arbeitsmarktpolitik und Wirtschaftsstatistik tätig. Zuvor war er Referent eines Industrie- und Arbeitgeberverbandes. Seine Kernkompetenzen liegen im Bereich der Analyse und Bearbeitung wirtschaftlicher, wirtschaftsstatistischer und arbeitsmarktpolitischer Fragen, insbesondere in Bezug auf tarifpolitische Auswirkungen für Unternehmen.
Arbeitgeberverband Chemie und verwandte Industrien
für das Land Hessen e.V. (HessenChemie)
Murnaustraße 12
65189 Wiesbaden
Tel.: 0611 7106-0
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