Wenn Abnehmen zum Benefit wird
Lilly ist Arzneimittelhersteller und Arbeitgeber. Mit „GesundPlus“ unterstützt das Unternehmen seine Mitarbeitenden beim medizinisch begleiteten Gewichtsmanagement.
Übergewicht ist längst mehr als ein Thema der Arztpraxis – es ist in den Personalabteilungen angekommen. Moderne Medikamente zur Gewichtsreduktion haben eine Debatte ausgelöst, die vor der Arbeitswelt nicht haltmacht: Welche Auswirkungen hat eine erfolgreiche Gewichtsreduktion nicht nur auf die Lebensqualität, sondern auch auf die Arbeitsfähigkeit und Produktivität der Mitarbeitenden? Sollen Arbeitgeber sich daran beteiligen, wenn Beschäftigte aus medizinischen Gründen abnehmen wollen – und wenn ja, wie?
Das Arzneimittelunternehmen Lilly tut genau das. Mit dem Benefit-Programm „GesundPlus“ unterstützt Lilly die eigene Belegschaft bei medizinisch begründetem Gewichtsmanagement – und hat daraus eine Plattform gebaut, die es auch anderen Arbeitgebern ermöglicht, einen strukturierten Benefit anzubieten. Was dahintersteckt, und wo die Perspektive des Arbeitgebers Lilly aufhört und die des Herstellers Lilly beginnt, wollten wir von Stephan Grävinghoff, Senior Director Access Evolution & Private Ecosystem, wissen.
Zum Einstieg: Wer hier mit wem spricht
Bevor wir ins Thema einsteigen: Wer sind Sie, und welche Rolle spielen Sie bei „GesundPlus“?
Mein Name ist Stephan Grävinghoff. Ich bin seit 20 Jahren bei Lilly tätig, mit Schwerpunkt Marktzugang und Erstattung – also der Frage, wie Patientinnen und Patienten Zugang zu unseren Medikamenten erhalten. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen habe ich das Benefit-Programm „GesundPlus“ entwickelt und Anfang Mai intern gestartet. Es ist ein freiwilliges und vertrauliches Angebot für Lilly-Mitarbeitende mit Adipositas oder Übergewicht. Für uns zeigt GesundPlus konkret, wie der Wandel von reiner Krankenversorgung hin zu echter Gesundheitsförderung gelingen kann.
Übergewicht als medizinisches und betriebliches Thema
Der Fachbegriff für krankhaftes Übergewicht lautet Adipositas. Was unterscheidet das medizinisch von „ein paar Kilo zu viel“?
Übergewicht beginnt medizinisch bei einem BMI ab 25 kg/m², Adipositas bei einem BMI ab 30 kg/m². Entscheidend ist: Adipositas ist nicht einfach „ein paar Kilo zu viel“, sondern eine chronische Erkrankung. Ihre Ursachen sind vielfältig und liegen nicht allein in der Kontrolle der Betroffenen.
Adipositas kann mehr als 200 Folge- und Begleiterkrankungen begünstigen – von Typ-2-Diabetes, Fettleber, Nierenprobleme, Bluthochdruck und erhöhten Blutfetten bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch Rücken- und Knieschmerzen sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen treten häufiger auf.
Kurz gesagt: Wer Adipositas wirksam behandelt, kann zugleich andere chronische Erkrankungen verbessern oder ihnen vorbeugen.
Zeigt sich der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Arbeitsfähigkeit auch in Fehlzeiten oder Krankschreibungen – oder ist das zu einfach gedacht?
Ja, insbesondere bei Adipositas zeigt sich ein Zusammenhang mit krankheitsbedingten Fehlzeiten. Systematische Übersichtsarbeiten kommen zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Adipositas mehr Fehltage aufweisen und auch häufiger von längeren Krankschreibungen betroffen sind. Wie stark dieser Zusammenhang ausfällt, hängt jedoch unter anderem von Tätigkeit, Begleiterkrankungen und weiteren individuellen Faktoren ab.¹
Wie lässt sich Übergewicht erfolgreich angehen?
Neue Medikamente zur Gewichtsreduktion sind gerade in aller Munde – reicht eine medikamentöse Therapie allein, oder braucht es mehr, damit eine Gewichtsreduktion dauerhaft gelingt?
Ein Medikament allein ist nicht die Lösung. Darüber besteht Einigkeit – bei Herstellern, Zulassungsbehörden, Fachgesellschaften und Leitlinien. Erfolgreiche Adipositas-Behandlung braucht immer mehrere Bausteine: Dazu gehören Ernährungs- und Bewegungsberatung, gegebenenfalls psychosoziale Unterstützung oder Verhaltenstherapie – und, wenn medizinisch sinnvoll, eine medikamentöse Behandlung. Entscheidend ist, Gewohnheiten dauerhaft zu verändern. Sonst steigt das Gewicht nach Absetzen der Medikation häufig wieder – ähnlich wie der Blutdruck steigt, wenn Blutdruckmedikamente abgesetzt werden.
Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Lebensstiländerungen sind wichtig, reichen aber oft nicht aus. Wenn die medizinischen Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Kombination aus Lebensstilmaßnahmen und wirksamen Medikamenten ein sinnvoller Teil der Behandlung sein.
Für uns zeigt GesundPlus konkret, wie der Wandel von reiner Krankheitsversorgung hin zu echter Gesundheitsförderung gelingen kann.
Stephan Grävinghoff, Lilly Deutschland
Wer kommt für ein solches Programm infrage – und wer nicht?
Nach welchen Kriterien – etwa dem BMI – wird entschieden, wer teilnehmen kann und wer nicht, und wie stellen Sie sicher, dass die Teilnahme wirklich freiwillig bleibt, ohne dass sich jemand rechtfertigen muss?
Teilnehmen können Mitarbeitende ab einem BMI von 30 kg/m² oder ab einem BMI von 27 kg/m², wenn bereits eine Begleiterkrankung vorliegt. Ob eine Medikation medizinisch notwendig ist, entscheiden Ärztin oder Arzt gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten. Die Kriterien entsprechen den Zulassungsvoraussetzungen der Medikamente im Gewichtsmanagement.
Die Teilnahme bleibt freiwillig und vertraulich. Lilly informiert alle Mitarbeitenden einheitlich über eine interne Website. Danach entscheidet jede und jeder selbst, ob das Angebot genutzt wird – ohne Rechtfertigung gegenüber dem Arbeitgeber.
Lilly als Arbeitgeber: Erfahrungen aus dem eigenen Haus
Wie viele Mitarbeitende nutzen „GesundPlus" mittlerweile, und was zeigt Ihnen die bisherige Auswertung zu Wirkung und Zufriedenheit?
Aktuell nutzen rund 40 Lilly-Mitarbeitende GesundPlus. Die Rückmeldungen sind sehr positiv – nicht nur von Teilnehmenden, sondern auch von Beschäftigten, die das Programm selbst nicht nutzen. Viele sehen darin, dass Lilly eine Versorgungslücke für die eigene Belegschaft schließt.
Wir möchten wissen, wie es den Teilnehmenden mit dem Programm geht. Deshalb bitten wir freiwillig und anonym um Feedback, etwa zur Lebensqualität. Die erste Quartalsauswertung steht noch aus – wir sind gespannt auf die Ergebnisse.
Der Blick nach vorn
Die Kosten für diese Medikamente werden bislang nicht von den Krankenkassen übernommen – was bedeutet das für die finanzielle Beteiligung von Unternehmen und Beschäftigten?
Das stimmt: Aktuell übernehmen gesetzliche und private Krankenkassen die Kosten für Medikamente zur Gewichtsreduktion nicht. Aus unserer Sicht ist das eine Versorgungslücke. Gesundheitspolitisch setzen wir uns deshalb dafür ein, dass zumindest besonders schwer betroffene Menschen Zugang zu einer Erstattung erhalten. Der pauschale Leistungsausschluss nach § 34 SGB V steht wirksamer Prävention im Weg.
Lilly unterstützt interessierte Mitarbeitende monatlich finanziell, solange sie am Programm teilnehmen. Voraussetzung ist, dass alle drei Säulen absolviert, werden: Ernährungsberatung, Bewegungsprogramm und ärztliche Beratung. Die Kosten tragen die Teilnehmenden zunächst selbst.
Die Unterstützung ist so kalkuliert, dass Teilnehmende je nach Kosten weiterhin etwa 20 bis 50 Prozent selbst tragen. Lilly leistet also einen relevanten Beitrag, erhält aber zugleich die Eigenverantwortung der Teilnehmenden. Für uns ist das der passende Mittelweg zwischen Fördern und Fordern.
Unternehmen sollten Adipositas als relevantes Gesundheitsthema ernst nehmen – auch wenn es selten direkt im Management-Dashboard auftaucht.
Stephan Grävinghoff, Lilly Deutschland
Und zum Schluss: Was würden Sie einem Unternehmen raten, das über ein ähnliches Angebot nachdenkt?
Unternehmen sollten Adipositas als relevantes Gesundheitsthema ernst nehmen – auch wenn es selten direkt im Management-Dashboard auftaucht. Viele Betroffene wissen sehr genau, wie stark Übergewicht ihren Alltag und ihre Arbeit belastet. Ein niedrigschwelliges Angebot im betrieblichen Gesundheitsmanagement kann hier viel bewirken. Wichtig ist, passende Strukturen zu schaffen – für große Unternehmen ebenso wie für kleinere und mittlere Betriebe.
Teil 2: Das GesundPlus-Programm
Im zweiten Teil dieser Reihe, der in Kürze folgt, gehen wir dann konkret auf die Funktionsweise von „GesundPlus" ein: Wie läuft die Teilnahme praktisch ab, welche Rolle spielen Arzt- und Apothekenwahl, und wie wird der Erfolg des Programms gemessen?
Referenzen:
¹ Van Duijvenbode DC, Hoozemans MJM, van Poppel MNM, Proper KI: The relationship between overweight and obesity, and sick leave: a systematic review. International Journal of Obesity. 2009;33:807–816. DOI: 10.1038/ijo.2009.121.
² Adipositas: Prävalenzangaben gemäß vfa-Zusammenstellung.


