Perspektiven schaffen
Im Rahmen der Arbeitsmarktdrehscheibe Marburg kommt auch der Fachkräfteradar zum Einsatz
Marburg erlebt derzeit eine Phase, die viele Industriestandorte nur zu gut kennen: wirtschaftliche Unsicherheiten, strategische Neuausrichtungen und damit verbunden der Abbau von Arbeitsplätzen. Besonders im Umfeld von CSL-Innovation (M600) und weiteren Standortfirmen stehen hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor beruflichen Veränderungen. Für die Betroffenen bedeutet dies Verunsicherung – für Geschäftsführungen, HR-Verantwortliche und alle unterstützenden Akteure eine große Herausforderung. Es ist aus meiner Ansicht der ernst gemeinte Versuch, eine sehr schwierige Phase gemeinsam und partnerschaftlich zu gestalten.

Der Infostand von HessenChemie im Rahmen der Arbeitsmarktdrehscheibe, im Bild Pressesprecher Roland Boros.
Am 26. Februar wurde diese Haltung greifbar. Rund 250 Mitarbeitende hatten sich zur Jobmesse bei CSL-Innovation angemeldet. Im Erdgeschoss von M600 wurden zwischen acht und neun Uhr durch die Aussteller emsig Informationsstände, Roll-ups und Gesprächsinseln aufgebaut. 13 regionale Unternehmen, die Agentur für Arbeit, die IHK und der Arbeitgeberverband HessenChemie sowie die Beratungsfirma PMB International GmbH waren mit Experten vor Ort, um mit betroffenen Beschäftigten ins Gespräch zu kommen und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.
Die Resonanz war bemerkenswert: Viele positive Rückmeldungen bestätigten, dass das Format als konkrete Hilfe und als Zeichen der Wertschätzung wahrgenommen wurde. Die Veranstaltung wurde von zahlreichen helfenden Händen professionell vorbereitet und durchgeführt – ein sichtbares Zeichen dafür, dass hier nicht nur reagiert, sondern gemeinsam gestaltet wird. Ergänzend zur Beratung über die Anwendung des Fachkräfteradars am HessenChemie-Stand, wurden über drei hybride Vorträge mindestens weitere 100 vom Personalabbau betroffene Mitarbeitende erreicht.
Die Jobmesse ist Teil der sogenannten Arbeitsmarktdrehscheibe Marburg – einem eng abgestimmten Schulterschluss zwischen Geschäftsführung, Mitarbeitervertretern, Agentur für Arbeit, IHK, Arbeitgeberverband HessenChemie, sowie weiteren regionalen Akteuren. Das Ziel ist klar: Möglichst nahtlose Übergänge in neue Beschäftigung schaffen und wertvolles Know-how in der Region halten.
Bereits in der Woche zuvor hatte eine Informationsveranstaltung für Betriebsräte stattgefunden. Hier wurde der Fachkräfteradar HessenChemie als ein innovatives Unterstützungsinstrument vorgestellt.
Fachkräfteradar: Ein neuer Weg der Fachkräftegewinnung
Der Fachkräfteradar ist eine digitale Talentsharing-Plattform, die ursprünglich von der stafftastic GmbH in Fulda im Auftrag von HessenChemie entwickelt und anschließend ausgerollt wurde. Ziel ist es, Fachkräfte, die aus betrieblichen Gründen freigesetzt werden müssen, in der Branche zu halten und ihnen neue Perspektiven zu eröffnen.
Unternehmen laden vom Jobverlust betroffene Mitarbeitende aktiv in das Netzwerk ein, in dem sie an diese einen Link versenden. Andere Mitgliedsunternehmen können ohne komplizierten Bewerbungsprozess Kontakt aufnehmen. Der Ansatz ist bewusst niederschwellig und unkonventionell – und genau darin liegt seine Stärke.
Bundesweit haben sich inzwischen über 300 Unternehmen registriert, in acht Verbandsgebieten ist der Fachkräfteradar verfügbar. Seit April 2025 sind die regionalen Radare technisch miteinander vernetzt. Suchanfragen sind damit über Verbands- und Landesgrenzen hinweg möglich – ein entscheidender Vorteil gerade in Transformationsphasen.
Finanziert wird das Projekt durch den Unterstützungsverein der Chemischen Industrie (UCI), eine gemeinsame Einrichtung der Chemie-Sozialpartner. Ziel ist es ausdrücklich, Fachkräfte in Zeiten der Transformation in der Branche zu halten und die Sozialpartnerschaft zu stärken.
Rund 100 hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Standort Marburg befinden sich derzeit im Radar. Täglich kommen neue Profile hinzu. Vertreten sind unter anderem Biologielaboranten, Biotechnologen, Chemielaboranten, Produktionstechnologen, Master of Science/Diplom-Biologen, Master of Science/Diplom-Chemiker, Mediziner sowie Pharmazeuten.
Gerade Unternehmen mit Bedarf in Forschung und Entwicklung, Qualitätsmanagement oder spezialisierten Produktionsbereichen finden hier ein hochqualifiziertes, branchenerfahrenes Kandidatenfeld.
Wichtig ist dabei: Der Fachkräfteradar wird nicht als alleinige Lösung verstanden, sondern als eine von vielen Unterstützungsmaßnahmen innerhalb der Arbeitsmarktdrehscheibe. Er ergänzt Beratung durch die Agentur für Arbeit, Vermittlungsangebote, individuelle Gespräche und regionale Vernetzung. Er schafft Sichtbarkeit – schnell, strukturiert und wertschätzend.
Der Radius wird jetzt weiter vergrößert

Am 16. Januar stellten Jürgen Funk (HessenChemie), Malte Bürger (stafftastic) und Dennis Priegnitz (IGBCE) gemeinsam den Fachkräfteradar in Marburg vor (v.l.n.r.).
Während vor Ort bereits konkrete Gespräche geführt wurden, laufen die Planungen für den nächsten Schritt: Ende April soll eine virtuelle Jobmesse stattfinden, an der Unternehmen aus ganz Hessen und darüber hinaus teilnehmen können. Angesprochen sind insbesondere Unternehmen, die derzeit akademische und nichtakademische Spezialistinnen und Spezialisten suchen. Die digitale Erweiterung ermöglicht es, den Suchradius erheblich zu vergrößern und zusätzliche Matching-Potenziale zu heben.
Die wirtschaftliche Gesamtlage der Branche bleibt anspruchsvoll. Gleichzeitig suchen viele Unternehmen weiterhin gezielt qualifizierte Fachkräfte.
Ich wünsche mir, dass noch mehr Mitgliedsunternehmen den Fachkräfteradar als Unterstützungstool nutzen. Insbesondere die mit der Personalsuche beauftragten Recruiter sollten möglichst bald aktiv werden und den Kontakt zu den Menschen aufnehmen, die sich bereits heute im Pool befinden.
Denn eines zeigt Marburg sehr deutlich: Die Fachkräfte sind da. Hochqualifiziert, branchenerfahren, motiviert. Der Fachkräfteradar macht sie sichtbar – über einen schnellen, unkomplizierten und wertschätzenden Weg.
Strukturwandel bedeutet Veränderung. Aber er kann auch bedeuten: neue Chancen, neue Verbindungen, neue Arbeitgeber. Jetzt ist der Moment, diese Chancen zu nutzen.
Eine Anleitung, wie der Fachkräfteradar für Unternehmen und Mitarbeitende funktioniert, erfahren Mitgliedsunternehmen in einem Live-Mitschnitt Mitgliederbereich von HessenChemie.

