Das politische Brüssel erlebbar machen

Vom 15. bis 16. Oktober 2018 fand zum ersten Mal eine zweitägige Konferenz der „Sozialpartner-Werkstatt für Innovation und Nachhaltigkeit“ (So.WIN) in der Vertretung des Landes Hessen bei der Europäischen Union in Brüssel statt. Neben der IG BCE Hessen-Thüringen und HessenChemie nahmen mehrere Betriebsräte hessischer Chemieunternehmen teil. Die Wahlen zum Europäischen Parlament am 26. Mai 2019 waren ein wichtiger Anlass, die Sozialpartner-Werkstatt diesmal in Brüssel stattfinden zu lassen.

Das Programm bot den Teilnehmern eine Fülle spannender Vorträge zu sozial, umwelt- und industriepolitischen Themen. Immerhin werden bis zu 80 Prozent der Gesetze von der EU vorgegeben. Den Auftakt zur Tagung machte Dr. Kurt Gaissert, der vor knapp 30 Jahren seine Karriere in Brüssel begann und heute als Mitglied im Team der externen Sprecher der Europäischen Kommission arbeitet. Gaissert vermittelte den Teilnehmern einen wichtigen Einblick in das komplexe Zusammenspiel zwischen den drei europäischen Institutionen – Europäische Kommission, Ministerrat und Europäisches Parlament.

Für den Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) stellte Katharina Göbel die Arbeit des Europabüros in Brüssel vor und ging auf aktuelle sozialpolitische Initiativen ein. Für den Verband der Chemischen Industrie (VCI) war Tobias Schäfer als Experte für die europäische Industrie- und Umweltpolitik eingeladen. Katharina Göbel erläuterte an den Beispielen Entsenderichtlinie, Work-Life-Balance und nichtfinanzieller Berichterstattung das vielschichtige Zusammenwirken zwischen den europäischen Institutionen, dem Europäischen Arbeitgeberverband Chemie (ECEG), der Bundesregierung und den BAVC-Mitgliedsverbänden. Bei beiden Referenten wurde die hohe Komplexität der Interessenvertretung auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene deutlich. Zugleich herrsche auf Seiten der europäischen Institutionen, insbesondere bei der Kommission, eine starke Transparenz hinsichtlich geplanter Gesetzesinitiativen, wodurch sich alle unterschiedlichen Stakeholder bereits im Vorfeld einbringen können.

Gemeinsames Bild der So.WIN-Tagungsteilnehmer mit der Europaabgeordneten Martina Werner im Europäischen Parlament

Gemeinsames Bild der So.WIN-Tagungsteilnehmer mit der Europaabgeordneten Martina Werner im Europäischen Parlament

Gemeinsames Bild der So.WIN-Tagungsteilnehmer mit der Europaabgeordneten Martina Werner im Europäischen Parlament

Für die Kommission sprach Kristin Schreiber, Direktorin in der Generaldirektion für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und KMU. Kristin Schreiber berichtete als Expertin für europäische Nachhaltigkeits- und CSR-Politik und zeigte sich sehr offen für Best-Practice-Beispiele aus dem EU-Mitgliedsstaaten. Sie begrüßte dabei sehr die gemeinsame Nachhaltigkeitsinitiative Chemie³ von IG BCE, BAVC und VCI und stellte den drei Verbänden die Möglichkeit in Aussicht, die Initiative gegenüber der Europäischen Kommission vorzustellen.

Gemeinsames Bild der So.WIN-Tagungsteilnehmer mit der Europaabgeordneten Martina Werner im Europäischen Parlament

Im Rahmen eines Kamingesprächs bekamen die Teilnehmer die Möglichkeit, sich mit dem Europaabgeordneten Dennis Radtke (CDU) und weiteren Vertretern des Europäischen Parlaments über aktuelle sozialpolitische Fragen auszutauschen. Darüber hinaus wurde über die bevorstehende Europawahl gesprochen.

Ein Highlight war der Besuch des Europäischen Parlaments. Hierzu hatte die Europaabgeordnete Martina Werner (SPD) eingeladen. Sie erklärte ihre Tätigkeit als „Schattenberichterstatterin“ zum Strommarktdesign im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) und diskutierte mit den Teilnehmern über die zukünftige Ausrichtung Europas. Abschließend führte die Abgeordnete noch durch das Parlamentsgebäude und in den Plenarsaal.

Sozialpartner-Abend zu „Deutsche Sozialpartnerschaft – Vorbild für Europa?“

Zum Abschluss der So.WIN-Tagung lud die hessische Staatsministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten Lucia Puttrich zusammen mit HessenChemie und der IG BCE zum Sozialpartner-Abend in die Landesvertretung Hessen ein. Zu der öffentlichen Veranstaltung erschienen rund 70 Gäste.

v.l.n.r.: Osman Ulusoy (IG BCE), Sigrid Caspar (EU-Kommission), Andreas Meyer-Feist (hr-Moderation), Thomas Mann (Europäisches Parlament), Dirk Meyer (HessenChemie)

Auf dem Podium diskutierten Dirk Meyer, Hauptgeschäftsführer HessenChemie, Osman Ulusoy, stellvertretender Landesbezirksleiter der IG BCE Hessen-Thüringen, MdEP Thomas Mann (CDU) und Sigrid Caspar von der Europäischen Kommission zum Thema „Deutsche Sozialpartnerschaft – Vorbild für Europa?“. Die Moderation übernahm hr-Korrespondent Andreas Meyer-Feist. Bei der Diskussion betonten Meyer und Ulusoy die funktionierende Sozialpartnerschaft in Deutschland, die mit dem „Stinnes-Legien-Abkommen“ von 1918 aktuell ihr 100-jähriges Bestehen feiert. Insbesondere in der Chemiebranche bestehe diese konstruktive Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeberverband und Gewerkschaft, was sich im Ergebnis in modernen und zukunftsfähigen Tarifvereinbarungen und einer Vielzahl gemeinsamer Initiativen widerspiegelt. Sigrid Caspar begrüßte die gelebte Sozialpartnerschaft in der Chemieindustrie, wies aber auf Unterschiedlichkeiten in den verschiedenen Mitgliedsstaaten und Branchen hin.

Der Europaabgeordnete Thomas Mann sprach sich für notwendige Standards in der Europäischen Sozialpolitik aus, warnte aber gleichzeitig vor einer Überregulierung. Als Quintessenz bekräftigten die beiden Sozialpartner die hohe Bedeutung der Europäischen Union für wirtschaftliches Wachstum, sozialen Ausgleich sowie sichere und gute Arbeitsplätze. Zugleich dürfe die erfolgreiche Tarifautonomie nicht durch die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel beeinträchtigt werden.


Gemeinsam für gute Schichtarbeit

Arbeiten, wenn andere Leute schlafen. Für Schichtarbeiter völlig normal. Durch die Arbeitszeit asynchron zum biologischen und sozialen Rhythmus können, insbesondere mit zunehmendem Alter, körperliche und soziale Belastungen entstehen. Welche besonderen Auswirkungen Schichtarbeit auf ältere Mitarbeiter haben, diskutierten am 31. Mai 2017 die Chemie-Sozialpartner HessenChemie und IG BCE Hessen-Thüringen im Rahmen des Workshops „Schichtarbeit und Demografie“.

Zu Gast bei Merck KGaA in Darmstadt: Die Teilnehmer des Sozialpartner-Workshop. Foto: HessenChemie

Zu Gast bei Merck KGaA in Darmstadt: Die Teilnehmer des Sozialpartner-Workshops. Foto: HessenChemie

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Austausch zwischen Personalverantwortlichen und Betriebsräten aus den teilnehmenden Mitgliedsunternehmen von HessenChemie. Gemeinsam sollten Lösungsansätze für eine Schichtarbeit unter möglichst geringen Belastungen erarbeitet werden. Dabei lernten beide Seiten die Sichtweise des jeweils anderen noch mal besser kennen, sodass ein stärkeres gegenseitiges Verständnis geschaffen werden konnte.

Intensiv diskutierten die Teilnehmer die spezifischen Belastungen, die Schichtarbeit für ältere Mitarbeiter mit sich bringen. Dabei kristallisierte sich heraus, dass die meisten Beeinträchtigungen unabhängig vom Alter sind, wie beispielsweise die Schwierigkeiten im familiären und sozialen Umfeld, etwa wenn es darum geht, Zeit mit dem Partner zu verbringen oder einen Termin für ein Treffen mit Freunden zu finden.

Sozialpartnerschaftliche Lösungsansätze

Darüber hinaus wurden Argumente für die Einführung ergonomisch sinnvoller Schichtsysteme  erarbeitet und Ansätze, Beschäftigte in allen Altersstufen in der Schichtarbeit zu entlasten, diskutiert. Dabei ging es sowohl um die zeitliche Gestaltung der Schichtarbeit als auch um Arbeitsinhalte und Präventionsmaßnahmen.

Beide Seiten waren mit dem Ergebnis des Tages durchweg zufrieden. In weiteren Workshops sollen die gesammelten Ideen nun diskutiert und mögliche neue Lösungsansätze erarbeitet werden. Denn nur gemeinsam kann es gelingen, gute Arbeit auch für Schichtarbeiter zu gestalten.


Nachhaltigkeit transparent machen – Chemie stellt Indikatoren vor

Mit der Nachhaltigkeitsinitiative Chemie³ haben die Chemie-Arbeitgeber (BAVC), der Verband der chemischen Industrie (VCI)  und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Enerige (IG BCE) ein gemeinsames Verständnis von Nachhaltigkeit entwickelt. Gemeinsam arbeiten die Partner von Chemie³ daran, Nachhaltigkeit als Leitbild in der Branche weiter zu verankern. Am kommenden Freitag werden nun die Chemie³-Fortschrittsindikatoren vorgestellt. Diese Indiaktoren sollen die Leistungen der Branche belegbar machen.

Transparenz über das bislang Erreichte

Zu Beginn der Initiative im Jahr 2013 hatte man einen Branchenbericht erstellt, der einen Überblick darüber geben sollte, was die chemisch-pharmazeutische und Kunststoffverarbeitende Industrie in Deutschland zu einer nachhaltigen Entwicklung beiträgt. Neben den Aktivitäten innerhalb der Branche wurde auch der verstärkte Dialog mit den Anspruchsgruppen angestoßen. In regelmäßig stattfindenden Stakeholder-Veranstaltungen, diskutieren Vertreter der Branche mit Vertretern aus Politik, NGOs und anderen Anspruchsgruppen. Um den Prozess transparent zu gestalten und aufzuzeigen, welche Schritte Chemie³ gegangen ist und welche Schritte man noch gehen möchte, wurde im letzten Jahr ein Fortschrittsbericht erstellt. Darin beschrieb die Branche, was sie mit der Initiative Chemie³ bereits erreicht hat und welche Ziele sie noch erreichen möchte.

Chemie³ im Dialog mit dem Rat für nachhaltige Entwicklung

Am kommenden Freitag findet in Berlin wieder eine Stakeholder-Veranstaltung statt. Gemeinsam laden die drei Partnerorganisationen von Chemie³, BAVC, IG BCE und VCI nach Berlin ein. „Innovation für eine nachhaltige Entwicklung – Chemie³ im Dialog mit dem RNE“. Gemeinsam werden Dr. Kurt Bock, VCI, Michael Vassiliadis, IG BCE, und Dr. Kai Beckmann, BAVC, die Fortschrittsindikatoren von Chemie³ vorstellen. Im Rahmen der Dialog-Veranstaltung werden die Anspruchsgruppen dann die Möglichkeit haben die Indikatoren zu diskutieren.

Erarbeitung von Fortschrittsindikatoren für die chemische Industrie

In einem zweijährigen Prozess haben die Chemie³-Partner die Fortschrittsindikatoren entwickelt. Wissenschaftlich begleitet und mit dem Blick auf die für die Branche wichtigen Themen, die bereits in den 12 Branchenleitlinien angelegt sind, wurde intensiv gearbeitet. Die Chemie-Sozialpartner, BAVC und IG BCE, nahmen sich der Aufgabe an, die Indikatoren für die soziale Dimension von Nachhaltigkeit zu erarbeiten.

Chemie³ trägt mit dem Fortschrittsbericht und nun mit den Indikatoren zu mehr Transparenz der Branche auf dem Gebiet von Nachhaltigkeit bei. Transparenz ist ein wichtiger Aspekt für eine nachhaltige Entwicklung und ebenso der Austausch über das Erreichte. Neben dem Indikatoren-Set werden im Rahmen der Veranstaltung am kommenden Freitag in Berlin (und vorher bereits mit Jugend-Vertretern verschiedener Organisationen) weitere Themen diskutiert: Was kann die Branche zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen, welchen Beitrag können Innovationen für eine nachhaltige Entwicklung leisten und wie lassen sich diese fördern. Das Programm spricht für spannende Diskussionen.