Schöne neue Welt? Berufsbildung in Zeiten der Digitalisierung

3 Fragen – 3 Antworten zu den Wiesbadener Gesprächen zur Sozialpolitik

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser über Berufsbildung in Zeiten der Digitalisierung

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser über Berufsbildung in Zeiten der Digitalisierung

Am 24. Oktober 2017 finden im Kurhaus Wiesbaden die 12. Wiesbadener Gespräche zur Sozialpolitik statt. Unter dem Motto „Vernetzt. Gehetzt? Wertgeschätzt! – Anforderungen an die Arbeit in der digitalisierten Industrie“ diskutieren wir mit Experten aus Wissenschaft, Unternehmen, Gewerkschaft und Verbänden über die Herausforderungen und Anforderungen der Digitalisierung an die Arbeitswelt von morgen. Die Experten aus dem Bereich der Wissenschaft geben uns im Vorfeld in der Serie „Drei Fragen an…“ einen kleinen Einblick in das Thema ihres Vortrages.

Aus der Backstube in den Hörsaal: Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser ist gelernter Bäckergeselle und hat über den „zweiten Bildungsweg“ sein Abitur gemacht. Anschließend absolvierte er ein Studium der Wirtschaftswissenschaften sowie Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspädagogik. 1989 begann Esser schließlich seine akademische Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeit am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpädagogik an der Universität zu Köln, wechselte zum Forschungsinstitut für Berufsbildung im Handwerk an der Universität zu Köln (FBH) und war Leiter der Abteilung „Berufliche Bildung“ beim Zentralverband des Deutschen Handwerks bis er 2011 das Amt des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn übernommen hat. Sein Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt ist vor allem die Berufs- und Qualifikationsforschung. Seine Kenntnisse als Berufsbildungsexperte waren immer wieder in zahlreichen Gremien und Ausschüssen gefragt. Bei den Wiesbadener Gesprächen zur Sozialpolitik wird Prof. Esser darüber sprechen, warum die Digitalisierung in der Bildung ein wichtiges Thema ist.

Drei Fragen an…

HessenChemie: Warum ist das Thema „Digitalisierung in der Bildung“ so wichtig?

Prof. Esser: Wir erkennen, dass sich in den kommenden Jahren der Fachkräfte- und Qualifikationsbedarf noch deutlicher ändern wird als bislang: Es wird ein Bedarfszuwachs bei den IT-Kernberufen und bei den IT-Mischberufen erwartet. Ferner zeichnet sich ein Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistungen ab. Für das Berufsbildungssystem ist die Digitalisierung Herausforderung und Chance für den Nachweis, wie gut es mit diesen Veränderungen umgehen kann. Die Nähe der Berufsbildung zu Arbeits- und Geschäftsprozessen ist ein entscheidender Vorteil gegenüber vollzeitschulischen und akademischen Bildungsgängen. Auf sehr kurzen Wegen lässt sich hier nicht nur der Bedarf bestimmen, sondern auch Bildung realisieren.

 

HessenChemie: Entstehen im Zuge der Digitalisierung bereits neue Berufsbilder?

Prof. Esser: Ausbildungsberufe resultieren aus Abstimmungsprozessen zwischen den Sozialpartnern, Bund und Ländern. Das BIBB moderiert und unterstützt diese Prozesse. Die Diskussion über neue Berufe betrifft derzeit zumal die Schnittstellen zwischen vorhandenen Berufsprofilen, zum Beispiel bei den IT-, Elektro- und Metallberufen. Hier laufen unsererseits Voruntersuchungen, wie Berufsprofile eventuell neu zu schneiden oder weiterzuentwickeln sind. Auch die Schnittstellen zwischen Aus- und Weiterbildung gilt es zu neu zu gestalten, etwa bei Spezialisierungen. Und schließlich bleibt die künftige Gestaltung von Abschlussprüfungen ein Dauerthema.

 

HessenChemie: Inwiefern ändern sich die Anforderungen an das Ausbildungspersonal?

Prof. Esser: Auszubildende, Beschäftigte und das Ausbildungspersonal müssen für das mediengestützte Lernen und Lehren geschult werden. Gerade das Ausbildungspersonal braucht in seiner neuen Rolle als Lehr- und Lernbegleiter Weiterbildung. Die Ausbilderinnen und Ausbilder sind in den Betrieben für das Lernen und Handeln in einer digitalisierten Arbeitswelt die zentrale Zielgruppe. Deshalb sind IT- und medienpädagogische Kompetenzen zu stärken und passende Qualifizierungsangebote zu entwickeln. Künftig können zum Beispiel Wikis, Blogs, Apps und Erklärvideos Inhalte vermitteln. Denn Lernen und Lehren werden immer individueller und mobiler.

Mehr zur Serie „Drei Fragen an…“

Drei Fragen an Prof. Dr. Jan Marco Leimester lesen Sie hier…

Die Autorin

Frauke Blech ist seit April 2017 Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Arbeitgeberverband HessenChemie. Zuvor war sie als Wirtschaftsredakteurin tätig und schrieb Artikel für ein Mitgliedermagazin. Das redaktionelle Handwerkszeug eignete sie sich in einem Volontariat bei einer Tageszeitung in Norddeutschland an, das sie anschließend als Redakteurin vertiefte. Germanistik und Politikwissenschaften studierte sie an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg.