In der Coronapandemie erkennen wir, was plötzlich alles geht

Wie sehen die Geschäftsmodelle von morgen aus? Welche Chancen und Herausforderungen bringt die digitale Transformation im internationalen Wettbewerb? Wie lassen sich Veränderungen aufgrund der Demografie bewältigen und in eine moderne Arbeitswelt einbetten? Viele Fragen, zu denen die Aufgabe, Klimaziele mit Wachstum und Wohlstand zu verbinden, hinzukommt. Mit diesen Herausforderungen haben sich die Entscheider der Chemiebranche zuletzt intensiv auseinandergesetzt, um die richtigen Strategien für die kommenden Jahre zu finden.

Doch dann breitete sich das neuartige Coronavirus aus, die Pandemie erforderte alle Konzentration und wurde zum maximalen Stresstest: angefangen beim Gesundheitssystem über die globale Wirtschaft bis hin zur Zusammenarbeit vor Ort in den Betrieben und zum Zusammenleben in den Familien. Aus heutiger Sicht kann noch nicht gesagt werden, wann ein Impfstoff zur Verfügung stehen wird oder welche Medikamente die schwierigen Verläufe abmildern können. Wir müssen also noch längere Zeit mit dem Virus und manchen Einschränkungen leben. Die drastischen Folgen der Krise für unsere Wirtschaft, die Sozialsysteme und auch die Staatsfinanzen werden auf jeden Fall noch lange nachwirken.

In Coronazeiten erkennen wir aber auch, was plötzlich alles geht. Diese Erfahrungen sollten wir, in der richtigen Balance, in die Zeit nach der Pandemie mitnehmen. Eine Erkenntnis der letzten Monate ist zum Beispiel, dass Unternehmen, die bereits vorher auf Digitalisierung gesetzt haben, in der Krise einen echten Vorteil hatten – sie konnten nämlich besser und
schneller reagieren. Viele Unternehmen aus Chemie, Pharma und Kunststoff waren vergleichsweise gut aufgestellt. Digitalisierung wird nach der Coronakrise aber noch stärker als vorher einen Erfolgsfaktor darstellen. Eine Pandemie in der wirklichen Welt hat der digitalisierten Welt vermutlich zum endgültigen Durchbruch verholfen.

Auch die Sozialpartnerschaft hat sich bisher in der Krise bewährt. Dies ist eine gute Grundlage, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und der Arbeitsplätze zu erhalten. Die Chemie-Sozialpartner haben schnell erste Maßnahmen vereinbart, um Unternehmen zu entlasten, Beschäftigung zu
sichern und das Infektionsrisiko zu reduzieren. Die Verkürzung der Ankündigungsfrist von Kurzarbeit, das Vorziehen „freier Tage“ aus dem Tarifvertrag „Moderne Arbeitswelt“ sowie die Möglichkeit, mobiles Arbeiten auf Basis einer Betriebsvereinbarung anordnen zu können, sind hierfür Beispiele.

Man hat sich auch darauf verständigt, dass notwendige Zustimmungen zu tariflichen Flexi-Instrumenten bei Bedarf in einem beschleunigten Verfahren erteilt werden können.

Natürlich hat man sich auch in den Betrieben damit beschäftigt, wie man auf die Krise reagieren soll. Die Handlungsfähigkeit der Betriebsparteien wurde zumeist schnell, flexibel und auch digital unterstützt unter Beweis gestellt. Die positiven Erfahrungen können Grundlage für die Debatte über die Fortentwicklung der Mitbestimmung in einer digitalen Arbeitswelt sein. In dem durch die Pandemie erzwungenen „Feldversuch“ konnten alle viel über die Vor- und Nachteile von Homeoffice lernen. Ein jetzt vom Bundesarbeitsminister vorgeschlagener gesetzlicher Anspruch auf Homeoffice wirkt da wie aus der Zeit gefallen. Ein einseitiger Anspruch ist beides: schädlich und überflüssig. Passgenaue Regelungen zur Nutzung von Homeoffice und mobilem Arbeiten können allein in den Betrieben vor Ort
gestaltet und einvernehmlich entschieden werden.

Die Erkenntnisse der vergangenen Monate sind schließlich ganz andere: Allen Akteuren wurde ein hohes Maß an Flexibilität abverlangt, um das Infektionsgeschehen einzudämmen, den Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten und die Kinderbetreuung zu sichern. Die Coronakrise könnte somit auch beim Thema Arbeitszeit einen Modernisierungsschub bewirken, um
Arbeitnehmern und Arbeitgebern die notwendige Flexibilität und Planbarkeit zu verschaffen. Die starren Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes, insbesondere der Tagesbezug der Höchstarbeitszeit und die elf Stunden Ruhezeit passen nicht mehr, weil eine digitalisierte Arbeitswelt in Zukunft noch stärker vom Arbeiten am selbst gewählten Arbeitsort und zur selbst
gewählten Arbeitszeit geprägt sein wird. Auch hier gilt es, die gemachten Erfahrungen in praktikable Möglichkeiten umzusetzen.