Konstruktiver Sozialpartneraustausch zu Ausbildung und Nachhaltigkeit in Hessen 2019

Staatssekretär Dr. Philipp Nimmermann würdigt die Chemie-Sozialpartnerschaft in Hessen unter dem Motto „Miteinander reden statt übereinander“.

In der diesjährigen „Sozialpartner-Werkstatt für Innovation und Nachhaltigkeit“ (So.WIN) haben die hessischen Chemie-Sozialpartner Betriebsräte und Führungskräfte zusammengebracht, um darüber zu diskutieren, wie das hohe Ausbildungsniveau der Branche auch in Zukunft gesichert werden kann und was das Thema Nachhaltigkeit dazu beitragen kann.

Nachhaltigkeit umfasst aus Sicht der Chemie-Tarifvertragsparteien drei Dimensionen: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Dass alle drei gleichermaßen wichtig sind, machte die So.WIN am 14. November 2019 in Wiesbaden abermals deutlich. Sie rückte das Thema Ausbildung in den Mittelpunkt ihrer Diskussionen: Angesichts des teilweise bereits spürbaren Fachkräftemangels sei Ausbildung notwendig, um den Wirtschaftsstandort Hessen auch in Zukunft nachhaltig zu sichern. Wie die Politik die Unternehmen dabei unterstützen kann, diskutierten die rund 60 anwesenden Führungskräfte und Betriebsräte unter anderem mit dem Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen, Dr. Philipp Nimmermann.

Dr. Frank Martin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit

Vom „Glück einer unerwarteten Zuwanderung“ sprach Dr. Frank Martin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit. Für 2019 lasse sich auf dem deutschen Arbeitsmarkt ein Plus von 3.000 Auszubildenden verzeichnen, zwei Drittel davon seien auf Ausländer und somit maßgeblich auf die Zuwanderung im Jahr 2015 zurückzuführen. Ohne sie gäbe es heute einen eklatanten Mangel insbesondere in Branchen wie dem Baugewerbe oder der Gastronomie. Hessen müsse jedoch im internationalen wie im innerdeutschen Wettbewerb bestehen: „Hessen lebt von Zuwanderung – und die wird künftig womöglich noch wichtiger.“ Dirk Meyer, Hauptgeschäftsführer von HessenChemie, verwies vor diesem Hintergrund auf das Fachkräftezuwanderungsgesetz, das Anfang 2020 in Kraft treten soll: „Damit die Unternehmen rasch davon profitieren können, müssen die Strukturen von Seiten des Gesetzgebers gut vorbereitet und die Ansprechpartner klar sein“, lautete sein Apell.

Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, zu „Leben und Arbeiten aus der Sicht junger Beschäftigter“

So.WIN ist eine Einrichtung von Arbeitgebern und Gewerkschaften der chemischen Industrie, die in dieser Form seit 2015 existiert. Ihre Vorgängerorganisation „Gesellschaft zur Information von Betriebsräten über Umweltschutz in der chemischen Industrie“ (GIBUCI) wurde 1987 gegründet. „Schon damals waren Anlagensicherheit und Umweltschutz ein Top-Thema in unserer Branche“, betonte Dirk Meyer. Im Rahmen von GIBUCI wurden Betriebsräte regelmäßig auf den neuesten Wissensstand bei Umweltschutz, Ressourceneffizienz, Energiepolitik und Nachhaltigkeitsinitiativen gebracht. „Mit unserer Initiative Chemie3 haben wir das Themenspektrum auf die wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen der Nachhaltigkeit erweitert“, erklärte Meyer. Aus GIBUCI wurde So.WIN. Zielgruppe ist jetzt neben den Betriebsräten auch das Management in den Betrieben.


In praxisnahen Workshops am Nachmittag ging es darum, wie sich auch schwer zugängliche Zielgruppen für den Ausbildungsmarkt gewinnen lassen, wie sich Nachhaltigkeit im Unternehmensalltag umsetzen lässt und wie Unternehmen junge Fachkräfte begeistern und binden können.

Eine Chance für alle

Manche Jugendliche schaffen den Sprung in die Ausbildung nicht auf Anhieb. Doch es gibt Mittel und Wege, um auch sie zu qualifizieren. Mehr als 500.000 Jugendliche in Deutschland befinden sich Jahr für Jahr in so genannten Übergangssystemen – in Maßnahmen also, die nicht zu einem berufsqualifizierenden Abschluss führen. Diese Zahl präsentierte Kadim Tas, Vorstandsmitglied und Regionalleiter Frankfurt-Rhein-Main bei JOBLINGE. Die gemeinnützige und vielfach prämierte Initiative hilft Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf, den Einstieg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu finden. Diese Zielgruppe müssen Unternehmen gewinnen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, ist Tas überzeugt.

Kadim Tas, Regionalleiter der JOBLINGE gAG FrankfurtRheinMain sowie Operativer Vorstand der JOBLINGE Dachorganisation

Häufig seien die Jugendlichen schon zu lange daran gewöhnt, versorgt zu werden: „Sie als Unternehmen müssen die Aufgaben annehmen, sie zu motivieren, denn aus eigener Kraft schaffen sie dies nicht“, sagte Tas. Es sei notwendig, die Jugendlichen einerseits zu fordern und gleichzeitig Anerkennung für Leistung in Aussicht zu stellen. Wichtig sei dabei die persönliche Beziehung: „Die Jugendlichen können nur durch ihre Persönlichkeit überzeugen – diese Chance müssen Sie ihnen geben.“ Umso begeisterter und loyaler zeigten sich die jungen Menschen, wenn sich erste berufliche Erfolge einstellten. Insbesondere ausländischen Jugendlichen müsse zudem der Wert der dualen Ausbildung in Deutschland vor Augen geführt werden.

HessenChemie ist Gründungsmitglied der JOBLINGE gAG Frankfurt-Rhein-Main.

Eine große Herausforderung

Was bedeutet Nachhaltigkeit in der Ausbildung? In einem Workshop tauschten Betriebsräte und Führungskräfte Erfahrungen aus. Seit 2015 gibt es das Aktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ der UNESCO, seit 2018 ist Nachhaltigkeit als Staatsziel in der hessischen Verfassung festgelegt. Doch viele Unternehmen stünden erst am Anfang einer intensiveren Beschäftigung mit dem Thema, sagte Marny Schröder von „Provadis, Partner für Bildung und Beratung“. Schröder leitete in den vergangenen drei Jahren das Projekt ANLIN, das sich mit der Frage befasste, wie sich Nachhaltigkeit langfristig in Lehr- und Ausbildungsplänen verankern lässt. ANLIN steht für „Ausbildung fördert nachhaltige Lernorte in der Industrie“, es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Provadis mit Sanofi-Aventis Deutschland und Clariant Plastics & Coatings im Industriepark Höchst. Auch beide Sozialpartner waren an dem Projekt beteiligt.

17 Ziele für nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene (UN Sustainable Development Goals)

Im Gespräch wurde deutlich, dass die Mitgliedsunternehmen von HessenChemie bereits einiges tun, um das Thema zu einem Bestandteil der Ausbildung zu machen – schließlich sind Aspekte wie Umweltschutz und Arbeitssicherheit seit jeher grundlegend in der Branche. Die Herausforderung bestehe jedoch darin, Ökologie, Ökonomie und Soziales gleichermaßen einzubeziehen, sagte Schröder. Hierfür müsse das Ausbildungspersonal geschult und motiviert werden. Wichtig sei zudem, ein entsprechendes Bewusstsein zu vermitteln – sei es durch ein Projekt, in dem Azubis leere Getränkedosen sammeln und die erzielten Einnahmen an gemeinnützige Organisationen spenden wie im Wiesbadener Industriepark Kalle-Albert, oder durch Hinweise auf nachhaltige Ernährung wie in den Kantinen von B.Braun Melsungen.

Schröder ermutigte die Teilnehmer, das Thema ernst zu nehmen: Nachhaltigkeit sei eine mindestens ebenso große Herausforderung wie die Digitalisierung und der demographische Wandel. Die Ergebnisse des ANLIN-Projektes werden Anfang 2020 in einem Leitfaden veröffentlicht.

Erfahrungsaustausch und Best-Practices: Junge Fachkräfte begeistern und binden

Angeleitet von Lisa Kohne von Great Place to Work Deutschland setzten sich die Teilnehmer zudem mit der Frage auseinander, wie Arbeitgeber ihre Attraktivität mit Hilfe von Nachhaltigkeitsthemen erhöhen können.

Lisa Kohne von Great Place to Work Deutschland mit Best Practices, wie Unternehmen junge Fachkräfte begeistern und binden können

Umrahmt wurde die Veranstaltung mit Ausstellern rund um die Themen „Ausbildung erlebbar machen“ und „Ausbildungswelt von morgen“ . Hierzu standen two4sciences, Provadis und Praktikumsjahr mit Experimenten, digitalen Ausbildungstools (wie E-Learning, Einsatz von VR in der Ausbildung) bzw. einer Recruitingplattform für Praktika für den gemeinsamen Austausch mit den Teilnehmern bereit. JOBLINGE und Great Place to Work Deutschland waren ebenfalls jeweils mit einem Stand vertreten.

Stand von Provadis Partner für Bildung und Beratung GmbH zum Einsatz von Virtual Reality in der beruflichen Ausbildung in der chemisch-pharmazeutischen Industrie
Stand von two4science mit Experimenten zu „Chemie erlebbar machen“

Zum Abschluss der Veranstaltung verabschiedete Hauptgeschäftsführer Dirk Meyer den stellv. Landesbezirksleiter sowie stellv. Vorsitzenden des Landesbezirksvorstandes der IG BCE Hessen-Thüringen, Osman Ulusoy. Ulusoy tritt in den Ruhestand. Mit einem hessischen Löwen aus der Höchster Porzellanmanufaktur als kleines Geschenk dankte Meyer Ulusoy herzlich für seine langjährige gute Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeberverband HessenChemie.

v.l.n.r.: Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes HessenChemie, Dirk Meyer; stellv. Landesbezirksleiter sowie stellv. Vorsitzender des Landesbezirksvorstandes der IG BCE Hessen-Thüringen, Osman Ulusoy

Ansprechpartner zu So.WIN

Daniel SchrappReferent politische Kommunikation und Nachhaltigkeit 
Arbeitgeberverband Chemie und verwandte Industrien für das Land Hessen e.V. (HessenChemie)
Murnaustraße 12
65189 Wiesbaden
Tel: 0611 7106-324
E-Mail: schrapp@hessenchemie.de
www.hessenchemie.de

Veröffentlicht in Nachhaltigkeit

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