Bildung als wichtige Säule der Fachkräftesicherung

Zweimal jährlich treffen sich Fachleute aus den Mitgliedsunternehmen im Steuerkreis Bildung, um sich über aktuelle Bildungsthemen auszutauschen. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Ausbildung. Die Teilnehmer erarbeiten unter anderem Positionen und Empfehlungen für relevante Handlungsfelder. Regelmäßig werden externe Referenten zum fachlichen Austausch eingeladen. In der Herbstsitzung 2018 war Professor Axel Plünnecke, der Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), zu Gast. Er beantwortete im Nachgang zur Veranstaltung einige Fragen zum Thema Fachkräftesicherung.

Wie beurteilen Sie die Fachkräftesituation aus Sicht der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Hessen?

Die Hälfte aller Erwerbstätigen in der innovativen Chemie- und Pharmabranche haben eine MINT-Qualifikation. Der MINT-Arbeitsmarkt wiederum ist nach Untersuchungen des MINT-Reports des IW sehr angespannt. Allein in Hessen fehlen rund 21.300 MINT-Kräfte, in steigendem Maße sind dies Facharbeiter und Informatiker. Eine Auswertung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) zeigt, dass die Fachkraft für Chemie- und Pharmatechnik, zu denen zum Beispiel die Chemikanten zählen, in Hessen zu den Top-Engpassberufen zählt.

Prof. Dr. Axel Plünnecke / Foto: Uta Wagner

Prof. Dr. Axel Plünnecke, geboren 1971 in Salzgitter, studierte VWL an der Universität Göttingen und promovierte an der TU Braunschweig zu den Themen Bildung und Wirtschaftswachstum. Er ist Leiter des Kompetenzfeldes Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Erwarten Sie durch die Digitalisierung eine Entspannung bei den Fachkräften?

Befragungen des IW kommen zu dem Ergebnis, dass Unternehmen, die bereits heute stark digitalisiert sind, sogar in stärkerem Maße als die anderen Unternehmen eine steigende Beschäftigung von Fachkräften und Akademikern erwarten. Vor allem IT- und Online-Kompetenzen werden für eine Vielzahl von Tätigkeiten und Berufen wichtiger, aber auch Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten. Da Zuwanderung seit einigen Jahren stark zur Fachkräftesicherung beiträgt, wird das Thema Sprachkompetenz noch einmal an Bedeutung gewinnen.

Wie beurteilen Sie das Bildungssystem in Hessen? Wo bestehen besondere Herausforderungen?

Im Bildungsmonitor des IW ergibt sich für Hessen ein sehr differenziertes Stärken-und-Schwächen-Profil. So sind die Betreuungsrelationen an weiterführenden Schulen eher ungünstig, die Ganztagsförderinfrastruktur sollte weiter ausgebaut werden. Fortschritte gab es in den letzten Jahren aber bei der Bekämpfung von Bildungsarmut und bei der Integration. Die Lesekompetenz von Viertklässlern entwickelt sich gut, und die Abbrecherquoten bei Ausländern sind vergleichsweise niedrig. Bei der beruflichen Bildung haben wir durchschnittliche Ergebnisse bei unversorgten Bewerbern und vorzeitigen Abbrüchen. Nachholbedarf besteht bei der Internationalisierung. So ist der Anteil der Bildungsausländer unter Studierenden vergleichsweise niedrig.

Und wie sieht es bei der digitalen Bildung aus?

Hier gibt es wenig Empirie bisher. Nach Untersuchungen der Telekom-Stiftung hat Hessen im Bundesländervergleich im Bereich der Nutzung digitaler Medien und der IT-Ausstattung der Schulen Stärken, hier besteht aber deutschlandweit im internationalen Vergleich deutlicher Nachholbedarf. Bei der IT-Ausbildung im beruflichen Bildungssystem und an Hochschulen liegt Hessen, gemessen an den Absolventenzahlen, eher im Durchschnitt.

Was sind, abschließend gefragt, Ihre Handlungsempfehlungen für das hessische Bildungssystem?

Neben der Umsetzung der digitalen Bildung in den Schulen ist die Fachkräftesicherung bei Lehrkräften eine zentrale Herausforderung. Die Kapazität der Lehrerausbildung ist zu stärken, und das Berufsfeld sollte attraktiver gemacht werden. An Schulen ist die Qualität der Bildungssteuerung zu verbessern, um die Ausbildungsreife zu sichern. Bekommen die Schulen mehr Handlungsspielräume, eine regelmäßige Rückmeldung zum Lernerfolg und eine bessere finanzielle Unterstützung bei besonderen Förderungsbedarfen, kann ein Wettbewerb um gute Ideen die Qualität der Schulen verbessern.

Vielen Dank, Herr Professor Plünnecke, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Dieses Interview und weitere Beiträge zum Thema Fachkräftesicherung finden Sie in unserem aktuellen Jahresbericht, der Quintessenz 2018/19, zu beziehen über www.hessenchemie.de (Publikationen).

Veröffentlicht in HessenChemie

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