Gerechte Bezahlung: Wie kann Entgeltgleichheit von Männern und Frauen gelingen?

Zwischen Männern und Frauen gibt es einen vermeintlichen Einkommensunterschied. Focus online schreibt zum Beispiel vom „Mythos Gehaltsunterschied? Ökonomen behaupten: Es gibt keine Lohnlücke zwischen Männern und Frauen“. Am sogenannten Equal Pay Day soll auf diesen Unterschied hingewiesen werden. Bei Lichte betrachtet, wird das Einkommen von Frauen und Männern von vielen Faktoren beeinflusst. Und welche Instrumente gibt es, um diese Faktoren zu beeinflussen? Ein unterschätztes Instrument hierfür sind die Tarifverträge der chemischen Industrie, in denen die Entgelte tätigkeitsbezogen und geschlechtsneutral festgelegt werden.

Es geht auch um die Chancengleichheit von Männern und Frauen. Der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) schreibt hierzu: „Die Verwirklichung von Chancengleichheit von Frauen und Männern ist eng mit einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Geschlechter verbunden. Die Chemie-Arbeitgeber haben die Bedeutung einer auf Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit ausgerichteten Personalpolitik frühzeitig erkannt.“ (Position zu Chancengleichheit des BAVC).

Mit dem Audit berufundfamilie, dessen Zertifikat der Arbeitgeberverband HessenChemie 2006 als bundesweit erster Arbeitgeber erhalten hat, geht HessenChemie mit gutem Beispiel voran. Darüber hinaus unterstützt der Verband seine Mitglieder bei der Umsetzung einer familienbewussten Personalpolitik.

Ein wichtiger Baustein für die Chancengleichheit und eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern sind die von den Sozialpartnern abgeschlossenen Tarifverträge. Tarifverträge garantieren eine tätigkeitsbezogene und damit eine geschlechtsneutrale Bezahlung der Tarif-Mitarbeiter. Wie aber kommt dann der Entgeltunterschied zwischen Frauen und Männern zustande? Im Folgenden sollen drei wichtige Faktoren in der Erwerbsbiografie von Frauen eingegangen werden, die sich auf die Bezahlung auswirken: die Unterbrechungen der Erwerbstätigkeit, Teilzeitarbeit und die Berufswahl von Frauen und Männern.

Kinder kommen und sie bleibt zu Hause

Frauen und Männer sind gleichberechtigt, aber nicht in allen Eigenschaften gleich. Entscheiden sich Mann und Frau für ein Kind, bleiben häufiger die Frauen zu Hause, um sich um die Familie zu kümmern. Männer hingegen gehen dann weiter ihrer Beschäftigung nach. Das Einkommen des Mannes wird für die Familie genutzt: um Lebensmittel zu kaufen, für das Auto, das Kind, Urlaub und andere Dinge. Die Frau aber unterbricht ihre Erwerbstätigkeit. Was für die Familie und das Kind schön und wünschenswert ist, führt für denjenigen, der zu Hause bleibt, zu einem geringeren Einkommen. Der Grund hierfür sind die wahrgenommenen oder eben nicht wahrgenommenen Karrierechancen.

Entscheidend ist hier der Faktor der Zeit der Erwerbstätigkeit bzw. die Dauer der Unterbrechung. Diese wirkt sich auf die Bezahlung von Frauen (die zu Hause geblieben sind) aus. Diskriminierung? Eher nicht, vielmehr kommt es auf die individuell getroffenen Entscheidungen der Frauen an, für die Familienverantwortung zu Hause zu bleiben. Geeignete Unterstützungsangebote der Familien, beispielsweise durch Angebote zur Kinderbetreuung oder Ganztagsschulen, könnten zu einer Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen.

Familienarbeit vs. Erwerbsarbeit: mehr Teilzeit

Ist das Kind dann da und etwas größer, entscheiden sich Frauen häufiger für eine Teilzeitstelle als für eine volle Erwerbstätigkeit. Klar, das Kind zu Hause soll/will ja auch betreut werden. Wieder sind es häufiger die Frauen, die für die Familienverantwortung mehr Zeit zu Hause (also bei unbezahlter Familienarbeit) und weniger Zeit für Erwerbsarbeit aufbringen. Im direkten Entgeltvergleich mit vollzeitbeschäftigten Männern schneiden die Frauen dann wieder schlechter ab: selbst bei gleicher Bezahlung pro Stunde, bekommen die Frauen am Monatsende weniger überwiesen als Männer. Diskriminierung? Bei gleicher Tätigkeit und gleicher Bezahlung pro Stunde liegt auch hier keine Diskriminierung vor. Der Einkommensunterschied entsteht durch die geringere Anzahl an Arbeitsstunden, die verrichtet werden. Bei gleicher Stundenanzahl hätten die Frauen ein genauso hohes Einkommen wie ihre männliche Vergleichsgruppe.

Berufe für Frauen und Berufe für Männer?

Häufig ist die Rede von Frauenberufen (Erziehung, Pflege, etc.) und typischen Männerberufen (technische Berufe, Mathematik, Informatik). Natürlich gibt es keine Berufe, die typisch oder spezifisch für ein Geschlecht wären in dem Sinne, dass Männer oder Frauen grundsätzlich für den einen Beruf besser geeignet wären als für den anderen. Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es aber bei der Berufswahl.

Frauen wählen tendenziell andere Berufe als Männer. Die technischen und naturwissenschaftlichen Berufe werden aufgrund ihrer Bedeutung für die Industrie und ihrer hohen Produktivität in der Regel besser bezahlt – und häufiger von Männern gewählt. Das Entgeltniveau in den tendenziell häufiger von Frauen gewählten Berufen ist im Vergleich oft niedriger. Die Entscheidung für oder gegen den Beruf beeinflusst das Einkommen. Was aber kann getan werden, um dem Vorwurf der schlechteren Bezahlung von Frauen gegenüber Männern entgegenzuwirken und für Chancengleichheit zu sorgen?

Der Tarifvertrag in der chemischen Industrie: tätigkeitsbezogen und geschlechtsneutral

In den Diskussionen zur Entgeltgleichheit von Frauen und Männern wird die Wirkung von Tarifverträgen unterschätzt: in Tarifverträgen werden u.a. die Entgeltgruppen und somit die Entgelte festgelegt. Die Eingruppierung in die Entgeltgruppen erfolgt anhand der ausgeübten Tätigkeit, also personenunabhängig und geschlechtsneutral. Für den Tarifvertrag in der chemischen Industrie ist es völlig egal, ob ein Mann oder eine Frau eine Tätigkeit ausführt. Entscheidend für die Bezahlung ist die Tätigkeit, nicht das Geschlecht. Die Kriterien hierfür werden anhand arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse festgelegt und sind somit nachprüfbar. Wird also nach einem Tarifvertrag bezahlt, garantiert dieser die Entgeltgleichheit zwischen Mann und Frau.

Schön und gut, wie aber schafft man es, dass Frauen MINT-Berufe wählen?

Frauen für technische Berufe zu begeistern und somit zu einer Angleichung der Entgelte und der Chancen zwischen Mann und Frau auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen, kann durch eine gute und frühzeitige Berufsorientierung geschehen. Die technischen und naturwissenschaftlichen, also die in der Regel besser bezahlten Berufe, müssen für Frauen eine wirkliche Option bei der Berufswahl darstellen. Nicht immer muss es dabei eine Tätigkeit in einem technischen Beruf sein, auch andere Bereich in der entsprechenden Branche profitieren von den Tarifverträgen und dem jeweiligen Entgeltniveau.

Hierbei sind alle gefragt: Eltern, Lehrer und Unternehmen. Entsprechende Angebote für Mädchen und Frauen wie der Girl’s and Boy’s Day an dem Mädchen in „typische“ Jungs-Berufe reinschnuppern können (und umgekehrt), sind eine Möglichkeit. Aber es gibt viele weitere Möglichkeiten, schon frühzeitig auf diese Berufe hinzuweisen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Ausbildungskampagne der Chemie-Arbeitgeber „Elementare Vielfalt“.

Aus dem Beruf und wieder rein? Teilweise?

Eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein weiterer Baustein, um Entgelt- und Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt zu fördern. Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um die Karrieremöglichkeiten, die genutzt oder nicht genutzt werden können.

Frauen, die ihre Erwerbsbiografie für die Familienverantwortung unterbrechen, verzichten damit auch auf die Chancen des eigenen beruflichen Fortkommens. Anders ausgedrückt: den Weg bis in den Vorstand oder den Aufsichtsrat von Unternehmen zu finden ist ohne geeignete Angebot zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie deutlich schwieriger. Ein Ausbau des Kinderbetreuungsangebotes und Ganztagsschulen können die Frauen (und Familien) hier unterstützen. Die Karrieremöglichkeiten der Frauen würden so gestärkt und der statistische Entgeltunterschied – der stark von den beschriebene Faktoren abhängt – reduziert.

Übrigens: wenn die Frauen sich für Berufe in der chemischen Industrie entscheiden, sind diese häufiger in den höheren Entgeltgruppen zu finden als ihre männlichen Kollegen!

(weitere Informationen zum Thema finden Sie in unserem Positionspapier zum Thema „Entgeltgleichheit – Tarifvertraglich garantiert“).

Veröffentlicht in HessenChemie, Nachhaltigkeit
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