Digitalisierung als Chance für Politik und Verbände

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Regierungssprecher Steffen Seibert erklärt, was den Bürger auf der Facebookseite der Bundesregierung erwartet.

Seit Ende der vergangenen Woche hat die Bundesregierung eine eigene Facebookseite. Dort berichtet ein Social-Media-Redaktionsteam aus dem Bundespresseamt über die Arbeit der Bundesregierung. Man möchte damit den Bürgern die Arbeit der Bundeskanzlerin und der Ministerinnen und Minister näher bringen und erklären, was die Bundesregierung so tut, erklärt Regierungssprecher Steffen Seibert in einem einführenden YouTube-Video. Man wolle aber auch mit den Bürgerinnen und Bürgern in einen Dialog treten und hören, was diese bewegt bzw. welche Fragen diese an die Bundesregierung haben.

Das Team macht dort eine gute Arbeit. Es gibt viele Beiträge mit Fotos und Kurzfilmen, die einen Einblick in die Arbeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Co. geben, die Otto Normalverbraucher sonst nicht erhalten würde: Eine Privataudienz beim Papst, ein Besuch bei Siemens, die Gedenkfeier auf dem Maidan in der Ukraine – und alles möglichst nah an den Personen. Selbstredend ließen verunglimpfende, unsachliche und unpassende Kommentare auf der Seite nicht lange auf sich warten. Aber das Team reagiert empathisch, sachlich und auch mal mit Humor.

Ob hier Peter Tauber, der CDU-Generalsekretär seine Hände im Spiel hatte? Dieser hat sich die Modernisierung der Partei auf die Fahnen geschrieben. Er weiß, wenn die CDU als Volkspartei zukunftsfähig bleiben möchte, muss sie sich verändern. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 59 Jahren, nur 25 Prozent sind weiblich und Menschen mit Migrationshintergrund finden sich nur unzureichend in der Partei wider. Die Überalterung der Partei ist ein Problem: 2003 hatte die CDU noch fast 590.000 Mitglieder, heute sind es rund 460.000. Dabei bedeuten „weniger Mitglieder weniger Verankerung vor Ort, weniger kreative Ideen, weniger Einnahmen und weniger Spenden“, so Tauber in einem Beitrag der Zeitschrift „Die politische Meinung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Wichtig ist Tauber daher, die Partei jünger, weiblicher und bunter zu machen. Dafür müssen zeitgemäße Antworten her: Satzung und Statuten sollen überprüft und moderne Konzepte erarbeitet werden. Von zeitgemäßen Veranstaltungsformaten, die die Möglichkeit bieten, sich unabhängig von Wohnort und Familiensituation aktiv zu beteiligen, bis hin zu mehr digitaler Partizipation, Vernetzung und Dialog. Das hört sich sehr modern an und man kann hier viele Parallelen zu Verbänden und Unternehmen finden. Alle haben gemeinsam, dass sie Mitglieder/Mitarbeiter gewinnen und binden sowie ihre Botschaften und Geschichten einem möglichst breiten Publikum verbreiten möchten.

Die Digitalisierung spielt hierbei eine ganz wesentliche Rolle. Sie hat die Kommunikation grundlegend verändert. Ob zwischen Parteien und Bürgern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Verbänden und Mitgliedern bzw. Öffentlichkeit oder Unternehmen und Öffentlichkeit. Noch nie gab es so viele und einfache Möglichkeiten, seine eigene Zielgruppe zu informieren, mit ihnen ins Gespräch zu kommen oder sie zum Mitmachen zu motivieren. Akzeptanz und Beteiligung durch Transparenz, Dialog und Wertschätzung.

Die neuen Medien bieten die Möglichkeit, das eigene Handeln, die Werte und Positionen zu erklären, ohne über den Filter Journalisten und Medien gehen zu müssen, und so mit den Menschen direkt in Kontakt kommen zu können. Wähler, Mitglieder oder Mitarbeiter zu binden, heißt zu kommunizieren.

Ich finde den Prozess bei der CDU sehr spannend. Politik steht nicht gerade für Bewegung und Flexibilität, genauso, wie vielen Verbänden immer noch eine gewisse Behäbigkeit nachgesagt wird. Aber es kommt eine Menge Bewegung in die Sache. Sich als Bundesregierung auf Facebook zu begeben, ist richtig. Es ist aber auch mutig. Derzeit ist die Unzufriedenheit und Politikverdrossenheit der Menschen besonders groß, und die Hemmschwelle, sich negativ, unsachlich bis bösartig zu äußern, besonders klein. Aber es bietet eben auch die v. g. Chancen. Und: Die sozialen Medien sind ein Stimmungsbarometer, dass man durchaus ernst nehmen sollte. Natürlich äußern sich eher Kritiker als Befürworter, aber wenn man keine bis kaum Zustimmung, dafür enormen Gegenwind für das eigene Tun erhält, lohnt es sich durchaus, sich darüber Gedanken zu machen.

Peter Tauber leitet übrigens die Kommission „Meine CDU 2017“, die nach der Bundestagswahl 2013 ins Leben gerufen wurde. Darin geht es eben darum, sich mit den Themen und Herausforderungen der Zukunft auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit rund 40 Funktions-, Amts- und Mandatsträgern von allen Ebenen der CDU sowie aus den Vereinigungen hat sich die Bundespartei in der Kommission drei zentrale Ziele gesetzt: Das inhaltliche Profil der CDU schärfen, die Organisationskraft stärken und die Kampagnenfähigkeit verbessern, so der Generalsekretär. Kommunikation und Digitalisierung werden dabei eine ganz wesentliche Rolle spielen.

Auch viele Verbände befinden sich in diesem Umbruch, ebenso Unternehmen. Die Zyklen, sich zu erneuern und der modernen, globalen Welt anzupassen, werden dabei immer kürzer. Man kann das gut oder schlecht finden, ändern wird es sich wohl nicht mehr.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Linkempfehlungen

Meedia: Im tiefen Tal der Supertrolle: die freundliche Facebook-Propaganda der Bundesregierung

Spiegel Online: Bundesregierung auf Facebook: Postings aus dem Kanzleramt

Politik und Kommunikation: Merkels Fitmacher

Polisphere: Wählerbindung 2.0

 

Veröffentlicht in HessenChemie
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