Ausbildung in Zeiten von Corona

am Beispiel des Bildungszentrums von InfraServ Wiesbaden

Ein Interview mit Ausbildungsleiter Bodo Wünsch.


Dipl.-Staatswissenschaftler Bodo Wünsch (53), leitet seit 2018 das InfraServ Wiesbaden Bildungszentrum, das aktuell ca. 300 junge Menschen in zwanzig IHK-Industrieberufen ausbildet.

Nach seiner Zeit als Offizier der Bundeswehr arbeitete Wünsch als Unternehmensberater, danach war er Programmdirektor an der privaten Zeppelin Universität, zuletzt Bildungsmanager in einer EU-Organisation im Energiesektor.


Was hat sich seit dem Lockdown in der Ausbildung geändert?

Weite Teile der theoretischen Ausbildung werden nun auch in eLearning-Formaten bereitgestellt. Dies hatten wir schon längere Zeit vor, es scheiterte aber bisher entweder an den Kosten oder an der Zeit. Wir sind im Tagesgeschäft nur in Teilbereichen dazu gekommen, die Inhalte zu digitalisieren. Der Anbieter unserer jetzigen Lernplattform liefert die zentralen Inhalte gleich mit. Das ist zwar etwas teurer, hat uns aber sehr viel zeitliche Ressourcen gespart. Durch die Corona-Krise hat sich im Hinblick auf die Digitalisierung durchaus einiges beschleunigt.

Die Ausbilder arbeiteten staffelweise teils von zu Hause aus, teils vor Ort, standen aber im permanenten Austausch mit den Auszubildenden. Daraus sind sehr praktikable Wechselpläne entstanden, sodass sich Präsenz und ‚home schooling‘ nun ideal ergänzen.  

Was den betrieblichen Anteil der Ausbildung angeht, reagierten unsere Verbundpartner zu Beginn des Lockdowns unterschiedlich. Ein Teil schickte die Auszubildenden ganz nach Hause ins ‚home schooling‘, andere setzten sie zunächst aufgrund gestiegener Arbeitsaufträge verstärkt im Betrieb ein. Das war möglich bzw. notwendig, weil ja auch die Berufsschulen geschlossen waren. Für uns als Bildungsdienstleister hat sich sonst gar nicht so viel verändert. Es ist allerdings gut, dass wir jetzt wieder starten können und die Auszubildenden auch wieder ins Bildungszentrum kommen dürfen. Wir haben uns schon gegenseitig vermisst.


Welche Herausforderungen beschäftigen Sie derzeit besonders?

Jetzt müssen wir vor allem eine sichere Prüfungsvorbereitung unter den verordneten Hygienebestimmungen sicherstellen. Das Einhalten und Überwachen unserer selbst erstellten Zeit- und Zonenkonzepte – wer kommt wann, welche Gruppen, die Abstände vor Ort – das kostet zusätzliche Zeit. Wir wollen aber, dass alle auslernenden Azubis wie vorgesehen zum Sommer ihren Abschluss erhalten und ihnen von unserer Seite keine Nachteile entstehen. Da gibt es natürlich jetzt auch die eine oder andere Überstunde, aber jeder will sein Prüfungsziel erreichen und alle ziehen an einem Strang.

Eine kleine Herausforderung war auch die Beschaffung von Masken. Wir haben einen Bedarf von 400 Stück in der Woche und die mussten beschafft werden. Hier hat sich aber unser Geschäftsführer persönlich stark eingesetzt, sodass wir zeitgereicht gut versorgt sind.


Welche Maßnahmen planen Sie noch oder wenden Sie bereits an?

Als Ersatz für die ausgefallenen Ausbildungsmessen werden wir ab Anfang Juni regelmäßig online Berufsorientierungs-Chats anbieten. Hier sprechen wir einzelne Schulen an oder gehen auch über die Schulsozialarbeit. Als Gesprächspartner stehen Azubis, Ausbilder oder ich zur Verfügung. Wir produzieren hierfür auch kleine Filmbeiträge zu den einzelnen Ausbildungsberufen. Dann setzen wir im Bewerbermarketing aber auch auf  Social Media und werben in Zeitungsannoncen. Wir starten damit am Donnerstag, den 04. Juni!

Für die Aufnahme der neuen Auszubildenden am 1. September überlegen wir uns auch neue Formate, weil ja eine größere Aufnahmefeier vielleicht noch nicht wieder möglich sein wird. Aber vielleicht ist das mit den kleinen Gruppen auch individueller. Wir werden ein kleines Get-together machen und die Aufnahme und Begrüßung aller neuen Azubis insgesamt auf zwei Tage aufteilen.


Wird sich die Corona-Krise negativ auf das Ausbildungsangebot auswirken?

Bei uns eher nicht. Alle unsere Partnerunternehmen halten an den geplanten Ausbildungsplätzen fest und sparen hier nicht an der falschen Stelle. Die wirtschaftliche Situation im Industriepark Kalle-Albert stellt sich zum Glück aber auch trotz der Corona-Krise überwiegend als sehr stabil dar.

Wie bereits gesagt, besteht allerdings eine Herausforderung im stark eingeschränkten Bewerbermarketing. Wir verzeichneten zwischenzeitlich etwas weniger Bewerberzahlen. Die Schulen legen zudem derzeit den Fokus nicht unbedingt auf Berufsorientierung. Noch Anfang des Jahres hatten wir hervorragende Bewerberzahlen, die jetzt auch wieder zurückkommen. Jetzt wollen wir auch hier neue Wege gehen, um die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen zu erreichen.


Was bleibt an positiven Erkenntnissen für die „Post-Corona-Zeit“?

Die praktische Berufsausbildung vor Ort mit dem Ausbilder „face-to-face“ bleibt trotz aller Digitalisierung schlechterdings unersetzlich. Sehr gut war das gemeinsame pragmatische Vorgehen als Team. Ziel aller Beteiligten war es, schnelle und gute Lösungen zu finden. Den Zusammenhalt des Teams sehe ich gestärkt. Man darf nicht vergessen, dass viele auch familiär und persönlich ganz unterschiedliche, teils schwierige Situationen zu bewältigen hatten. Man kann aber in jedem Fall sagen, dass wir enger zusammengewachsen sind und das obwohl wir weniger vor Ort beisammen waren.

Auch hatte die überwiegende Anzahl der Auszubildenden ein hohes Interesse, am Ball zu bleiben. Die neuen digitalen Angebote werden sehr gut angenommen und wohl dauerhaft eine gute Ergänzung darstellen.


Hat es Sinn, sich jetzt noch für den Ausbildungsstart 2020 zu bewerben?

Das hat nicht nur Sinn, wir fordern junge Menschen geradezu auf, das zu tun! Wir haben noch etliche freie Plätze und können diese noch bis zum 1. September besetzen. Leider kursiert das Gerücht in den Schulen, dass Bewerbungen in der Krise keinen Sinn hätten, weil die Wirtschaft am Boden läge. Für unsere Branche, insbesondere an diesem Standort, gilt das definitiv nicht! Es lohnt auf jeden Fall, sich für einen der 20 überaus krisenfesten Berufsausbildungen im Industriepark Kalle-Albert zu bewerben.

Bei uns gibt es im Grunde keine Bewerbungsfristen. Schulabsolventen, die ihren Einstieg in eine Ausbildung für Herbst 2021 planen, können sich schon jetzt informieren und orientieren. Man kann sich jederzeit online über www.bizka.de bewerben. Wir werden auch 2021 voraussichtlich intern ca. 50 Ausbildungsplätze zu besetzen haben. Wir suchen besonders Chemikanten, Elektroniker, Industrie-, Anlagen- und Konstruktionsmechaniker. Auch Werkschützer sind bei uns gefragt. Und wir bieten noch zwei duale Ingenieur-Studiengänge an. Auch die suchen wir händeringend. Dazu kommen 30 weitere Ausbildungsplätze über Tochtergesellschaften und Fremdfirmen, die wir in Vollausbildung bei uns vor Ort haben, aber nicht selbst einstellen.

Das Interview führte Jürgen Funk.


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Veröffentlicht in HessenChemie
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