Unternehmen und Organisationen müssen sich öffnen

In der vergangenen Woche besuchte ich zwei Tage die KnowTech in Stuttgart. Die KnowTech ist ein jährlicher Kongress zum Thema Wissensmanagement in Unternehmen und Organisationen und wird von der BITKOM seit 1999 veranstaltet. Der Fokus der 76 Vorträge lag in diesem Jahr auf Wissensmanagement vor dem Hintergrund von Social Media, Collaboration, Mobility. Gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel nimmt die Bedeutung dieser Themen zu, denn:

    • in den nächsten 10 bis 15 Jahren scheiden massiv Mitarbeiter aus und damit geht – steuern Unternehmen nicht gegen – viel (Erfahrungs-)Wissen verloren.

 

    • bereits jetzt spüren viele Unternehmen den Fachkräftemangel, was sich in den nächsten Jahren noch verschärfen wird. Arbeitgeber suchen verstärkt qualifizierten Nachwuchs (War of Talents). Um zukünftig Fachkräfte zu rekrutieren…

 

    • …begeben sich Unternehmen in die sozialen Medien, um sich als moderner und attraktiver Arbeitgeber zu positionieren (Employer Branding), Einblicke in das Unternehmen zu geben und Kontakt mit dem Nachwuchs aufzunehmen.

 

    • …müssen Unternehmen innovativ sein und sich in ihrer Kultur und Arbeitsweise öffnen, um als interessant für die zukünftige Generation zu gelten.

 

    • …wird Mitarbeiterentwicklung und -bindung neben Bezahlung und Attraktivität der Marke/Produkte ein zunehmend wichtiges Thema.

 

  • Die klassischen Erwerbsbiografien Ausbildung, Beruf, Ruhestand werden immer seltener. An deren Stelle treten lebenslauforientierte Arbeitszeiten. Dazu zählen zeitlich befristete bzw. individuelle Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit, Elternzeit, Sabbaticals und Langzeitkonten. Hinzu kommt, dass Mitarbeiter heute nicht mehr ein Leben lang in einem Unternehmen bleiben. Im Falle eines Ausscheidens von Mitarbeitern, sei es endgültig oder temporär (Sabbatical, Eltern-/Pflegezeit) ist es für Unternehmen von zentraler Bedeutung, dass Unternehmenswissen nicht verloren geht beziehungsweise Projekte reibungslos übergeben werden.

 

Immer mehr Unternehmen setzen zu diesen Zwecken sogenannte Social Media Tools wie beispielsweise Yammer, MediaWiki oder WordPress bzw. Social Software wie IBM Connections, Jive oder SharePoint (siehe auch Deutsche Bank Research: Wie Unternehmen das Web 2.0 für sich nutzen) für interne und externe Prozesse ein. Diese ermöglichen auf einfache Art und Weise, sich zu vernetzen, orts- und zeitunabhängig zusammenzuarbeiten, Wissen zu teilen bzw. zusammenzuführen und mit den Stakeholdern in den Dialog zu treten.

Was oft in Vorträgen nicht angesprochen wird, ist, dass es neben der Technik auch eines neuen Denkens bedarf. Weg vom Silodenken und hin zum Netzwerkansatz mit einem hohen Grad an Selbststeuerung und Eigenverantwortung, denn in Zeiten ständiger Veränderung ist starres Hierarchiedenken einfach fehl am Platz.

Sabine König hat in ihrem Artikel Abenteuer Wissen die Einführung von Wissensmanagement aus systemischer Sicht bereits beschrieben. Das Interview mit Andrea Heckelmann zeigt, dass die erfolgreiche Einführung von Wissensmanagement-Systemen in der Regel mit einem Change-Prozess verbunden ist. Zum kulturellen Wandel gehört meines Erachtens vor allem das Umdenken von Führungskräften und Mitarbeitern, Wissen nicht mehr zu horten, sondern zu teilen (nach dem Motto „Wissen ist Macht, Wissen teilen aber mächtiger“) sowie sich im Rahmen von team- und standortübergreifenden Projekten zu vernetzen und auszutauschen. Darüber hinaus sollten Führungskräfte ihren Mitarbeitern den Freiraum und die Zeit zugestehen, die neuen Tools zu nutzen und deren Medienkompetenz fördern. Für diejenigen, die ein Projekt oder einen Prozess in einem Wiki dokumentieren, ist das erst einmal Mehraufwand; für die anderen, die das Wiki später nutzen, eine Arbeitserleichterung. Im optimalen Fall sind die Lösungen nicht „on top“, sondern ersetzen veraltete Arbeitsweisen und schaffen so neue Möglichkeiten.

Wissen teilen und über Social Media Tools zusammenzuarbeiten macht Spaß und erweitert enorm den Horizont. Das motiviert und trägt zur Mitarbeiterbindung bei. Zudem sind Wissensarbeiter effektiver, wenn sie hochgradig vernetzt sind. Um dies zu erreichen, muss aber erst einmal die Netzwerkkultur gefördert werden. Hier sind wieder die Führungskräfte gefragt, die gemeinsam mitnetzwerken und so mit gutem Beispiel vorangehen sollten. Bei Continental beispielsweise bloggt der Vorstandsvorsitzende Dr. Elmar Degenhart fleißig mit. Das lädt Mitarbeiter zum Mitmachen ein und signalisiert, dass das Projekt von der Führungsebene ernst genommen und vorangetrieben wird.

Auch was den Einsatz von Social Media im externen Bereich wie Facebook, Twitter & Co. betrifft, bedarf es eines Umdenkens. Denn auf Facebook eine Fanseite zu starten und die Zielgruppe über neue Produkte und Events zu informieren, wird langfristig nicht von Erfolg gekrönt sein. Klar, es gibt Unternehmen, die fahren richtig gute Marketingkampagnen auf Facebook und inszenieren ihre Marke bis zur Perfektion. Große, „coole“ Unternehmen wie Audi oder Nike können sich das auch leisten. Wer sich aber als mittelständischer Arbeitgeber – mit weniger coolen Produkten und weniger Budget – für den Nachwuchs interessant machen will, muss da schon etwas mehr Einblick gewähren und den Menschen in den Mittelpunkt rücken. Das bedeutet Transparenz, echten Dialog und Zuhören (=Wertschätzung). Man muss sich zumindest bis zu einem gewissen Teil öffnen und von sich erzählen wollen. Das bringt vielleicht nicht die 100.000 Fans, aber es schafft Vertrauen, Nähe und Bindung – und das sind doch Werte, die für einen potenziellen Arbeitgeber sprechen.

Veröffentlicht in Demografie, Wissensmanagement
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