Ein Dinosaurier im Zeitalter der ständigen Veränderung

Unsere Gesellschaft wird immer älter und wandelt sich immer schneller. Lebenslanges Lernen ist ein Muss, um mit diesen Veränderungen Schritt halten zu können. Dies ist an sich keine neue Erkenntnis, wird allerorts hinreichend diskutiert und ist in wissenschaftlichen und sonstigen Studien belegt. Im Umkehrschluss könnte man die etwas provokante Feststellung ableiten, dass Dinosaurier  wahrscheinlich überlebt hätten, wenn sie sich schon mit Change ausgekannt hätten. Immer mit der Zeit Schritt zu halten ist allerdings nicht ganz einfach, vor allem, wenn im Alter eine gewisse Zufriedenheit mit dem schon Erreichten eingesetzt hat. So ergangen ist es dem 1924 gegründeten REFA Bundesverband, bis in die 90-iger Jahre des letzten Jahrhunderts führender Verband für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung in Deutschland. Mittlerweile wurde der REFA Bundesverband rechts und links überholt von kleineren, schlankeren Organisationen und wendigeren Unternehmensberatungen.

Aber auch im REFA-Verband gibt es seit über 70 Jahren kleine, schlagkräftige Organisationen, für mich ganz besonders interessant die REFA Branchenorganisation Chemie. Hier wurde über Jahrzehnte hinweg branchenspezifisches Wissen vermittelt, von großen Teilen der Ausbildung zum Chemikanten bis hin zu Grundlagenwissen des Arbeitsstudiums.   

Es ist zugegeben schon eine ganze Weile (vielleicht auch eine ganze Generation her), dass ich die Grundlagen des Arbeitsstudiums und der Ablauforganisation von der Pike auf im Studium erlernt habe. Mittlerweile heißt dies oft nicht mehr REFA, sondern wird weitestgehend unter dem Begriff Lean subsumiert. Das ist en vogue, klingt modern und wird diesem Anspruch durch die Einbeziehung der Mitarbeiter bei der Gestaltung und Umsetzung durch das eine oder andere Tool mit Sicherheit auch gerecht. Lässt man Six Sigma außen vor, muss man leider feststellen, dass viele Aktivitäten nicht immer konsequent auf einer fundierten Analyse des IST-Standes aufsetzen. Dies kann dazu führen, dass die Ergebnisse von Lean-Maßnahmen zwar klar beziffert werden können, es aber schon bei der Berechnung von relevanten Einsparungen zu Schwierigkeiten kommt.

Und hier möchte ich gerne mal eine Lanze für die gute alte ingenieurtechnische Vorgehensweise brechen. Auch wenn immer „unsagbar viel Zeit“ in eine vernünftige Analyse fließt – nur ausgehend von einer soliden Basis erhält man im Nachgang auch solide und validierbare Ergebnisse. Methoden des Arbeitsstudiums wie die REFA Planungssystematik, die Multimomentaufnahme (MMA) oder die klassische Zeitaufnahme sind heute vielen weit weniger präsent als SMED, 5-S oder Kaizen. Wie ich denke, zu Unrecht. Lean-Projekte würden effektiver verlaufen, wenn im Vorfeld eine mögliche Einsparung beziffert werden könnte. Denn nur was man messen kann, kann man verbessern und gestalten. Nach der Durchführung und Auswertung einer MMA kann z.B. mit statistischer Wahrscheinlichkeit eine Aussage getroffen werden, wie hoch der prozentuale Anteil an einem bestimmten Ereignis oder der zeitliche Anteil einer Aufgabe ist. Um dann genau den richtigen Stellhebel für das nächste SMED-Projekt zu haben.

Was hat das nun mit Dinosauriern, der Branchenorganisation Chemie und der Veränderung zu tun? Die Branchenorganisation ist offen für Veränderung und hat den Trend der Zeit erfasst. In der Chemie wird seit vielen Jahren qualitativ sehr gut und quantitativ überproportional hoch ausgebildet. Also wurde ein neuer Fokus gesucht und gefunden. Etabliert hat sich die BO Chemie – derzeit unter der Leitung von Dr. Wilma Dausch, BASF und Dr. Uwe Flachsenberg, Aliseca GmbH – als deutschlandweite Plattform für Erfahrungsaustausch rund um alle Themen, mit denen man sich in Produktion, Instandhaltung und Logistik auseinandersetzt. Und der guten Tradition folgend bezieht man das Gute und Bewährte in den Blick nach vorne immer mit ein. Überzeugen können Sie sich davon im November in Dortmund, wenn es auf der jährlichen Fachtagung heißt „Herausforderung Flexibilisierung – Antworten aus der Praxis“. Sehen wir uns?

 

Sabine KönigAutorin dieses Beitrages ist Sabine König. Die Dipl.-Ing. ist Referentin Arbeitswissenschaften im Arbeitgeberverband HessenChemie und berät Unternehmen zu den Themen flexible Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsgestaltung, Arbeitsbewertung sowie. Betriebs- und Arbeitsorganisation.

Veröffentlicht in Demografie, Verschiedenes
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