Zeit ist Geld – zumindest beim Langzeitkonto

In der Chemie werden über den Demografie-Tarifvertrag Lebensphasen gestaltet. Geht das nicht einfacher über Langzeitkonten? Eine Erklärung.

Anfang diesen Jahres habe ich darüber berichtet, in welcher Form in der chemischen Arbeitswelt Lebensphasen gestaltet werden (‚Von Menschen und Lebensphasen‘). Mittlerweile liegt auch von Seiten der BDA eine Broschüre vor, die Ansätze zur lebensphasenorientierten Arbeitszeitgestaltung, insbesondere der Chemie- und Metallverbände, mit Beispielen darstellt.

Lebenspahsenorientierte Arbeitszeitgestaltung umsetzen

Aber auch in den Medien finden sich mittlerweile Berichte, wie das tarifliche RV 80-Modell (‘Reduzierte Vollzeit 80 Prozent zur Lebensphasenorientierten Arbeitszeitgestaltung’) in den Betrieben umgesetzt wird – hier am Fall der Rubber Group des Continental-Konzerns. Was mich zu der noch offenen Frage bringt: Warum wird für die Lebensphasengestaltung in der Chemie nicht ausschließlich auf Langzeitkonten gesetzt die, im Gegensatz zu anderen Branchen, bereits relativ weit verbreitet sind? Die Antwort hat – wenig überraschend – auch mit Zeit zu tun.

Denn mit einem Langzeitkonto kann Geld und / oder Zeit über ein gesamtes Erwerbsleben angespart und anlässlich bestimmter Lebensphasen entnommen werden, sei es etwa für die Pflege Angehöriger oder den Übergang in den Ruhestand. Genau aus diesem Grund tauchen Langzeitkonten so oft in der Diskussion um die betriebliche Gestaltung des demografischen Wandels auf: Sie sind flexibel einsetzbar und verengen die Demografie-Diskussion nicht auf ‚die Älteren‘ – wer immer das sein mag. Dennoch hat dieses Instrument bei der Einführung einen entscheidenden Nachteil: Wie bei jedem Sparprodukt benötigt es Zeit, bis das Guthaben so angewachsen ist, dass der Beschäftigte eine nennenswerte Freistellung erreichen kann.

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Foto: Peter Endig (Foto: dpa)

Menschen, die heute bei Chemieunternehmen mit Langzeitkonten ihre Arbeit antreten, können sich mit diesem Instrument vertraut machen, es nach und nach besparen und sich überlegen, welche Lebensumstände für eine Entnahme des Guthabens in Frage kommen und welche Möglichkeiten das Unternehmen zulässt: Der Mitarbeiter wird damit idealerweise zum eigenverantwortlichen Treiber seiner Berufsbiografie und steuert über die von ihm eingebrachten Beträge, wie viel Zeit er später für die Kinder oder sein Sabbatical zur Verfügung hat. Der tarifliche Demografiebetrag ist dafür lediglich eine Anschubfinanzierung, auf eigenen Beinen steht das Langzeitkonto erst, wenn der Beschäftigte es in seinen Anforderungen und Möglichkeiten versteht und nutzt.

Langzeitkonto zur Lebensphasengestaltung

Jene, die schon lange im Berufsleben stehen haben diesen langen Ansparzeitraum nicht. Das soll nicht gegen die Einführung von Langzeitkonten sprechen, macht aber die Frage unumgänglich, wie für diese Personen Lebensphasengestaltung aussehen kann. Die am Beispiel von Continental dargestellten RV 80 Modelle sind die Antwort darauf. Denn RV 80 bedeutet nicht, dass einzelne Beschäftigte ein Langzeitkonto führen. RV 80 ‚Lebensphasen‘ bedeutet, dass Beschäftigte mit gravierenden Mehrfachbelastungen eine Förderung aus dem Demografietopf bei den Betriebsparteien beantragen können. Sind die tariflich verhandelten Gelder alle, gibt es auch keine Förderung mehr.  RV 80 ‚Lebensphasen‘ ist in diesem Sinne die Soforthilfe, Langzeitkonten sind das mittel- und langfriste Instrumentarium, mit dem der Beschäftigte seine individuelle Erwerbsbiografie selbst in die Hand nimmt. Vermutlich benötigen wir beides.

Um sich in die Thematik der Langzeitkonten einzulesen, empfehle ich die Texte von Dr. Hoff Arbeitszeitsysteme, wie jenen der die Vor- und Nachteile für Arbeitnehmer beim Wertguthaben-Aufbau abwägt.