Fischen in fremden Gewässern

Ist ein Discounter für einen angehenden Akademiker der Schiffbruch oder ein sicherer Hafen? An der Hamburger Uni bin ich auf eine Anzeige gestoßen, die ich dort nicht erwartet hätte. Was lässt sich daraus für das Recruiting lernen?

Das letzte Wochenende habe ich in Hamburg verbracht: St. Pauli, Innen- und Außenalster, Queen Mary 2, Franzbrötchen und Uni. Aber warum Uni? Na ja, einer meiner besten Freunde arbeitet dort und ließ mich Freitag noch zwei Stunden warten – er musste ‚Lesen‘ und hatte einen Abgabetermin. In dieser Zeit habe ich eine Tasse Kaffee getrunken, das angesprochene Franzbrötchen gegessen, bin ein paar Uni-Unikaten begegnet und habe die Pinnwände studiert. Eine Anzeige ist mir dabei aufgefallen, deren Foto ich in diesem Blog teilen möchte: Sie stammt nicht von einer IT-Company und nicht von einer Unternehmensberatung, sondern vom Discounter Lidl und hing nicht ganz zufällig dort.

Werkstudent Lidl

Keine Wissenschaft bei Lidl, denn gut ist gut genug

Lidl sucht Werkstudenten für den Verkauf, stellt aber eines gleich zu Anfang klar: Dass ‚es‘ keine Wissenschaft ist; vermutlich – so darf ich interpretieren – ist damit sowohl die angebotene Tätigkeit gemeint als auch generell einen vernünftigen Arbeitsplatz zu finden. Schließlich ist bei Lidl alles ausgesprochen gut (wenn vielleicht auch nicht sehr gut); die Ware, die Leute und auch das Geld. Was lässt sich aus dieser Anzeige lernen? Ich möchte drei Schlussfolgerungen in nordischen Bildern ziehen:

  • Wenn Dein Teich leer ist, musst Du auch Deine Heimatgewässer verlassen.

Tatsächlich ist es ein kleiner Kulturbruch, an einer Universität Fachkräfte für einen Discounter zu suchen. Natürlich hat es schon immer Studienabbrecher gegeben, die Archäologie-Kurse durch Taxifahren unterstützt oder dauerhaft eingetauscht haben. Dass aber heute durch einen Arbeitgeber wie Lidl ein vergleichbarer Weg offiziell und aktiv geebnet wird zeigt, welche Wege beschritten werden, um den Pool an potenziellen Fachkräften auszuweiten. Für mich ist dadurch der (vielleicht) peinliche Beigeschmack beim Discounter zu arbeiten fast verschwunden, denn Lidl macht klar: Billig ist der Preis der Produkte, der Job ist mehr als in Ordnung… und vielleicht besser als das, was kluge Köpfe an der Uni je erreichen können.

  • Der Köder muss ansprechen, was der Fisch momentan am dringlichsten braucht.

Wahrscheinlich kennt jeder der einmal studiert hat das Gefühl der Unsicherheit. Unsicherheit ob man ‚damit‘ etwas anfangen kann (ich rede nicht von Maschinenbaustudenten), Unsicherheit was Wissenschaft und wissenschaftliche Standards sind, Unsicherheit ob die Praktika was bringen und so weiter. Hier grätscht Lidl rein, denn die Botschaften sind klar (Gute Ware. Gute Leute. Gutes Geld.), die Beziehungen stabil, das Einkommen gesichert und das Großunternehmen zukunftsorientiert. Verunsicherter, hadernder Student, was willst Du mehr?! Mach Dir keinen Kopf – und keine Wissenschaft daraus – und komm‘ zu Lidl.

  • Ein neuer Fanggrund erschließt neue Möglichkeiten

Wenn Lidl Werkstudenten auf diese Art den Teppich ausrollt, ist es nicht nur das Ziel Tätigkeiten wie Kassieren oder Warenverräumung durch ggf. höher qualifizierte Mitarbeiter verrichten zu lassen. Die Werkstudenten sollen auch das unterstellte Mehr an Beziehungsfähigkeit und Außendarstellung in den Kundenkontakt einbringen – ein Faktor, der auch Lidl eine interessante Entwicklungsmöglichkeit verspricht.

Aufgaben Werkstudent Lidl

Fazit dieser kleinen Anzeigenbetrachtung: Ob die vielfältigen Aufgaben den Werkstudenten dauerhaft befriedigen sei dahingestellt, aber zumindest weiß Lidl, wen es wie an welchem Ort und in welcher Lebenssituation anzusprechen gilt. Nicht jede Stellenanzeige ist in dieser Hinsicht so klar. Inwiefern die Werkstudenten zu Beziehungsknotenpunkten und Aushängeschildern der Filiale werden, ist schwer zu sagen, aber einen interessanten Versuch wert. Kann auch sein, dass mancher Student bei Lidl bleibt, der guten Dinge wegen.

Egal wie es für den Discounter weitergeht, ich erwarte für die Zukunft, dass wir derartiges Fischen in fremden Gewässern öfter sehen werden. Moin Moin.

Veröffentlicht in Demografie, Employer Branding, Fachkräftegewinnung, Highlight, Verschiedenes
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Antwort zu “Fischen in fremden Gewässern

  1. Lieber Clemens,

    Du entwickelst Dich langsam auch noch zum Spezialisten für Personalanzeigen. Hamburg ist übrigens immer eine Reise wert. Ich habe die Zeit im Studium dort sehr genossen. Vielleicht sollte ich auch mal wieder einen Ausflug machen. Danke für den interessanten Beitrag!

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