Wiesbadener Gespräche – Fokus Fachkräftesicherung

Was die Debatte um den Fachkräftemangel und den Yeti gemeinsam haben? Beide Male gibt es Lager, die treu behaupten ihn gesehen zu haben – und sei es in weiter Ferne. Andere halten ihn für ein Hirngespinst oder eine Fata Morgana. Lohnt es darüber nachzudenken?

Wir wären besser orientiert, wenn wir uns den Arbeitsmarkt nicht als Gebilde vorstellen, das an einem planwirtschaftlichen Schreibtisch entworfen wurde. Viele einfach gestrickte Studien zum Fachkräftemangel arbeiten aber exakt so. Die Gleichung „Alles wie gehabt“ plus „Demografie“ gleich „Überangebot an Arbeit“ gleich „Alarm“ geht jedoch nicht auf. Sie bedient zwar den Pessimist in uns, und die Interessen der Verfasser, sagt uns aber nichts über das Geschäftsrisiko fehlenden Personals und die unternehmerischen Stellschrauben. Wir vergessen dabei etwa die Unbekannte der Zuwanderung und unterschätzen unsere Arbeitsmarktpotenziale.

Ist es berechtigt von einem Mangelgefühl zu sprechen, wenn statt dreißig nur noch zehn Bewerbungen auf eine ausgesprochene Stelle eintreffen? Worin liegen die Ursachen und warum auf Bewerbungen warten? Zweifellos gibt es Berufsprofile und Regionen, wo die Zeichen auf Arbeitnehmermarkt stehen. Elektroingenieure im Stuttgarter Raum genießen heute beinahe Artenschutz. Hier oder bei examinierte Gesundheits- und Krankenpflegefachkräfte stellt dieser Mangel kein Phantom-Leiden dar. Er ist heute schon ein echter Schmerz. Spannend wird es zu beobachten, welche Branchen und Unternehmen solche Trends antizipieren und den Mut und die Reaktionsschnelligkeit für neue Wege haben.

Ein Beispiel: Die wachsende Bedeutung von Mitarbeiterempfehlungsprogrammen fällt nicht aus Zufall in das Social-Media-Zeitalter. Die Chance auf einen erfolgversprechenden Rekrutierungskanal verbindet sich mit der gestiegen Sensibilität für demografisch bedingte Personalengpässe und die Kraft sozialer Empfehlungen und Kontakte. Betätigungsfelder zur Fachkräftesicherung wie diese gibt es viele: Das Engagement für bildungsarme und damit als „nicht-ausbildungsfähig“ geltende Jugendliche sei am Beispiel der Joblinge genannt. Eine strategische Personalplanung, die sich nicht als Umsetzer von Managemententscheidungen, sondern als Innovationsagenten sieht, zählt auch dazu. Oder Konzepte zur Steigerung der Vielfalt innerhalb der Belegschaften (etwa um asiatische Märkte zu erschließen). Mittelständler, die ihre Arbeitgebermarke ausprägen, damit sie nicht im Rauschen der Werbeetats von Großunternehmen unterzugehen drohen. Ideen die die Lernfähigkeit „Älterer‘“ wieder zum Blühen zu bringen etc.

Mit den Wiesbadener Gesprächen zur Sozialpolitik am 19. Juni 2012 navigiert der Arbeitgeberverband HessenChemie auf Kurs Fachkräftesicherung. Es gibt ein Podium, ganz klassisch, und eine Key Note zum Personalmarketing – hoffentlich weniger klassisch. Parallel dazu erscheint ein im FAZ-Verlag veröffentlichter Tagungsband. Beigetragen haben dazu viele kluge Köpfe, die den Fachkräftemangel volkswirtschaftlich verorten, in Anführungszeichen setzen oder auf die betrieblichen Füße stellen.