Familienpolitik 2.0 – Wo wir stehen

Die Wirtschaft weiß, dass sie in Zeiten des Fachkräftemangels auf gut ausgebildete Frauen nicht mehr verzichten kann. Um mehr Frauen nach der Familienplanung wieder/schneller an den Arbeitsplatz zurückzuholen, müssen sie diesen die Möglichkeit bieten, Beruf und Familie unter einen Hut zu kriegen. Dazu gehört neben einer guten Kinderbetreuung, ein Arbeitsmodell, dass die Vereinbarkeit ermöglicht, sowohl zeitlich, nervlich und vielleicht sogar karrieretechnisch.

Auch die Männer möchten sich verstärkt in die Familie einbringen. Dafür nehmen sie Elternzeit oder reduzieren ihre Arbeitsstunden, um mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können bzw. der Frau eine möglichst schnelle Rückkehr in den Job zu ermöglichen. Über 80 Prozent der Väter möchten die Entwicklung ihres Kindes aktiv begleiten und finden, dass ein guter Vater so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern verbringen sollte.

Jahrzehntelang ordneten Mitarbeiter ihr Privatleben der Arbeit unter.  Ein sich änderndes Rollen- und Elternverständnis, der demografische Wandel und womöglich die viel beschriebene Generation Y (Why = Hinterfragen) bringen nun die gewohnten Systeme ins Wanken. Die Unternehmen müssen lernen, damit umzugehen. Im Wettbewerb um die besten Köpfe legen sie familienfreundliche Programme auf, die es weiblichen Mitarbeitern erleichtern, nach der Baby- oder Kinderpause in den Job zurückzukehren und anschließend Beruf und Familie so gut wie möglich zu vereinen. Das erfordert von Unternehmen viel Flexibilität und Planung. Firmen, die schon länger um Nachwuchs und Fachkräfte werben müssen, weil entweder begehrte Unternehmen in der Umgebung angesiedelt oder sie selbst in der Provinz ansässig sind, haben schon früh gelernt, sich mit der eigenen Arbeitgeberattraktivität zu beschäftigen. Dazu gehört beispielsweise der Medizintechnikhersteller B. Braun Melsungen. Um Nachwuchs zu rekrutieren und im Unternehmen zu halten bietet das Familienunternehmen unter anderem spezielle Programme und Arbeitsmodelle für berufstätige Mütter. So profitieren diese beispielsweise von einer eigenen Teilzeitregelung. Diese ermöglicht ihnen, bis zu acht Jahre in Teilzeit (20 Stunden) bei 65 Prozent des Gehaltes zu arbeiten. Das kostet B. Braun Melsungen 8.000 Euro pro Stelle – jährlich. Auch Trumpf aus Ditzingen bietet seinen Mitarbeitern ein eigenes Teilzeitmodell: Berufstätige Mütter können wählen, wie viele Stunden sie arbeiten möchten und alle zwei Jahre über die Arbeitszeit neu entschieden. So kann der Job der jeweiligen Lebenssituation angepasst werden. Die Bewerberzahl ist seit Einführung dieses Arbeitsmodells um sage und schreibe 85 Prozent gestiegen, und das, obwohl sich Trumpf mit anderen attraktiven Arbeitgebern in der Region wie Porsche, Daimler oder Bosch messen lassen muss (ZEIT Online). Sabine König hat in ihrem Artikel Maßgeschneiderte Arbeitszeitmodelle bereits im November 2012 hierüber berichtet.

Auch die Väter rücken zunehmend in den Blick der Personalchefs. Mittlerweile geht über ein Drittel in Elternzeit – wenn auch überwiegend nur 2 Monate (Statistisches Bundesamt).  Airbus Deutschland bietet deshalb seit ein paar Jahren spezielle Vater-Kind-Programme wie Wochenendaktivitäten (Klettern, Vater-Kind-Flugtag oder Floßbau) oder Vorträge zu Themen wie „Väter erziehen anders“ oder „Väter in Elternzeit“ an (Trendstudie „Moderne Väter“).

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt in seiner Publikation „Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland“, dass im Jahr 2015 6,5 Millionen Arbeitskräfte fehlen. In den Frauen sieht das Institut das größte Potenzial gegen den Fachkräftemangel. Bei einer besseren Förderung könnten nach dessen Berechnung bis zu 2,1 Millionen zusätzlich eine Vollzeitstelle aufnehmen. Die Arbeitsmarktforscherin Jutta Allmendinger geht sogar von einer „Stillen Reserve“ von 5,6 Millionen Frauen aus.

Das alles zeigt zwar, dass die Familienpolitik mit all ihren unterschiedlichen Facetten in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es bedeutet aber nicht, dass wir das Ziel erreicht haben. Im Gegenteil, viele Mütter und Väter finden noch immer nicht die richtigen Voraussetzungen vor, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Seien es nicht ausreichende Öffnungszeiten der Kita, die fehlende Mittagsbetreuung nach der Schule, unflexible Arbeitszeiten, eine noch weit verbreitete Präsenzkultur oder der vorwurfsvolle Blick, den eine Mutter erntet, wenn sie trotz Kindern eine Karriere anstrebt. Letzteres leidet überhaupt. In Teilzeit ist Karriere so gut wie ausgeschlossen. Das ernüchternde Ergebnis einer Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB) zeigte kürzlich: Mehr als die Hälfte der Frauen unter 34 glaubt inzwischen wieder, Kinder und Karriere seien in Deutschland nicht vereinbar.  Auch wenn wir es oft nicht wahr haben wollen: Von einer echten Gleichstellung von Mann und Frau kann auch heute noch keine Rede sein. Die klassischen Rollenmuster halten sich hartnäckiger als gedacht.

Wenn Unternehmen dem Fachkräftemangel durch mehr Beschäftigung von Frauen begegnen wollen, müssen sie ihre Arbeitskultur an die neuen Lebensrealitäten junger Familien anpassen. Weg von der Präsenzkultur, hin zu mehr Freiheit, Flexibilität und Verständnis für berufstätige Eltern. Die moderne Technik macht es möglich, frei und selbstbestimmt zu arbeiten. Die Arbeitswelt von morgen ist vernetzt, smart und social. „Wenn die Nachricht wichtig ist, dann wird sie mich finden“, wird ein US-Student 2008 in der New York Times zitiert. Das Zitat ging mit Aufkommen der sozialen Netzwerke um die Welt. Heute beschreibt das Fraunhofer Institut die Arbeitswelt von morgen wie folgt: „Nicht mehr der Mensch kommt zur Arbeit, sondern die Arbeit kommt zum Menschen“. Aber nicht nur Unternehmen müssen umdenken, auch berufstätige Eltern müssen sich damit abfinden, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nun einmal kein Zuckerschlecken ist und sich der Wunsch  nach Selbstverwirklichung, Freiheit und Karriere neben dem Wunsch nach Familie nur schwer realisieren lässt. Die Kinder brauchen die Eltern und das nicht nur im Kleinkindalter. Also, lasst uns erst Beruf und Familie vereinbaren und dann an Selbstverwirklichung und Freiheit denken.

Was Politik und Gesellschaft betrifft, so möchte ich diesen Beitrag mit einem Zitat aus dem Blog von Frau Nessy beenden: „Liebes Familienministerium, du fragst dich, warum meine Generation so wenige Kinder bekommt und hast deshalb eine Studie in Auftrag gegeben. Das ist insofern bedauerlich, als dass diese Studie bestimmt sehr teuer war und du auch durch Nachdenken zu einem Ergebnis hättest kommen können. Aber Schwamm drüber. Schauen wir lieber in die Zukunft. Damit du demnächst das Geld sparen und es für gute Kinderbetreuung einsetzen kannst, hier mal ein paar Eckpunkte, die uns Mitt- und Enddreißiger im Zusammenhang mit dieser Kindersache bewegen…“ (http://fraunessy.vanessagiese.de)

Viel Spaß beim Lesen!