Fachkräftesicherung durch Zuwanderung?

Auf Einladung des Hessischen Integrationsministers Jörg Uwe Hahn wurde am 4. Juli  (dem Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten von Amerika – ich werde darauf später noch einmal zurückkommen) auf einem Fachkongress zum Thema „Helle Köpfe für Hessen“ vorgetragen und diskutiert. Dabei stand die Frage im lichtdurchfluteten Raum des spacigen Business-Centers, ob eine gesteuerte Zuwanderung als Instrument der Fachkräftesicherung in Hessen dienen kann.

Der Veranstaltungsort war von Staatminister Hahn bewusst gewählt. THE SQUAIRE am Flughafen Frankfurt – dem internationalen Verkehrsknotenpunkt. Hier begegnen sich Menschen aus der ganzen Welt, viele davon, um Geschäfte in Deutschland und Europa zu machen. Der ICE Bahnhof im gleichen Gebäude und die sich am Frankfurter Kreuz begegnenden Bundesautobahnen A5 und A3 sind weitere wichtige Trassen für Menschen und Waren. „An Hessen führt kein Weg vorbei“ lautet denn auch ein von der Landesregierung verwendeter Werbe-Slogan. Gilt dies aber auch für Menschen, die eine berufliche und private Zukunft in Hessen suchen?

Zu Beginn der Veranstaltung wartet der Minister mit einigen überraschenden Zahlen auf. Knapp 12 Prozent der hessischen Bevölkerung besitzen keinen deutschen Pass; Hessen ist damit das Flächenland mit dem höchsten Anteil ausländischer Bürger gemessen an der Gesamtbevölkerung. 1,49 Mio. Personen in Hessen haben einen Migrationshintergrund. Besonders überrascht habe ihn der Befund, dass sich 91 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund in Hessen wohlfühlen. Für ihn ein Mut machendes Zeichen für eine gute Integration in unserer Gesellschaft. Hahn bezeichnet die Aussage, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei als „eine Lebenslüge“.

„Es gab immer wieder Einwanderungswellen in Deutschland“

Zum Beweis dieses Irrtums geht er auf mehrere Einwanderungswellen früherer historischer Epochen ein, nennt aber vor allem die Zeit nach 1950, als das aufkeimende „Wirtschaftswunder“ in der noch jungen Republik Arbeitskräfte aus dem Ausland dringend benötigte. Hahn sieht auch heute die geregelte Zuwanderung als einen wichtigen Baustein zur Bewältigung des drohenden Fachkräftemangels. Er verweist auf junge Menschen aus Spanien, Griechenland und anderen von der Eurokrise gebeutelten Nationen.

Mit den jetzt in Kraft tretenden Änderungen im Zuwanderungsrecht seien erste richtige politische Maßnahmen getroffen worden „um die Tür weiter zu öffnen“. Jörg Uwe Hahn ist für klare Kriterien und Regeln. Er will definiert wissen, wer nach Deutschland kommen darf. Als Liberaler sei es ihm aber wichtig zu sagen, dass das Asylrecht für politisch Verfolgte unangetastet bleiben müsse.

„Bildung ist die zentrale Voraussetzung zur Teilhabe am ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben“

Im zweiten Teil seiner Rede geht er auf die Gruppe von Menschen ein, die bereits in Hessen leben und die noch besser in die Gesellschaft integriert werden müssen. Untersuchungen belegen, dass die Bildungschancen von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund immer noch deutlich schlechter seien. Eine Grundvoraussetzung für eine verbesserte Chance auf gute Schulabschlüsse sei das Erlernen der deutschen Sprache. Hier seien Kommunen, das Land, aber auch die Eltern in der Pflicht.

Hahn wagt einen Exkurs und zeigte, wie Deutsche sich erfolgreich in einer neuen Heimat integriert haben und dort zu Fortschritt und Wohlstand beigetragen haben (ich hatte oben versprochen, dass ich auf die USA zurückkommen werde): Karl Pfizer zum Beispiel (* 22. März 1824 in Ludwigsburg; † 19. Oktober 1906 in Newport (Rhode Island)) war deutscher Chemiker. Als Apothekerlehrling emigrierte er in die USA und gründete 1849 mit seinem Vetter Charles Erhart in Williamsburg in Brooklyn den heute weltweit bekannten Pharmakonzern Pfizer.

Hersteller von Flügeln und Klavieren: Das Unternehmen Steinway & Sons wurde von dem deutschstämmigen Henry E. Steinway und seinen Söhnen 1853 in New York gegründet.

William Edward Boeing, geboren als Wilhelm Eduard Böing (* 1. Oktober 1881 in Detroit; † 28. September 1956 auf dem Puget Sound) war Flugzeugkonstrukteur und Begründer der Boeing-Flugzeugwerke. Er war ebenfalls der Sohn deutscher Eltern.

Ein Land, das Menschen aus anderen Kulturen einbindet und ihnen Chancen eröffnet, kann enorm profitieren. Hierzu gehört aber auch eine entsprechende Willkommenskultur, die in Deutschland noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden scheint.

„Wir brauchen eine Doppelstrategie“

Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, ging in seinem Vortrag ebenfalls auf die Chancen der Zuwanderung ein. Sein Haus rechnet für Hessen bis in das Jahr 2020 bereits mit 100.000 weniger Erwerbsfähigen in unserem Bundesland. Besonders betroffen seien Nord- und Mittelhessen. Für das Rhein-Main-Gebiet rechnet er dagegen erstmals mit 2040 mit einem spürbaren Bevölkerungsrückgang. „Es muss deshalb gelingen, die Zuwanderung auch in die Fläche zu bringen“, fordert Martin.

Kassel sei einer der am stärksten wachsenden Regionen in Hessen. Es sei wichtig, dass die Kommunen eine neue Willkommenskultur entwickeln, die Angebote für Sprachkurse, Wohnraum und Betreuungseinrichtungen für Kinder umfassen. Er regt sogenannte Willkommens-Center in den Regionen an.

In den derzeit 27.500 ausländischen Studierenden sieht Martin ein wichtiges Reservoir, dass derzeit bei Weitem nicht ausgeschöpft werde. „Nur 29 Prozent der Studierenden bleiben derzeit hier“.

Für Martin ist es aber auch wichtig, die inländischen Potenziale besser zu nutzen. Er nennt in diesem Zusammenhang, Frauen, ältere Menschen und Menschen nicht deutscher Abstammung, die bereits hier leben. Es sei auf Dauer nicht hinnehmbar, dass sich etwa 24.000 Personen in sogenannten Übergangssystemen zwischen Schule und Ausbildung befinden. Viele junge Menschen davon mit Migrationshintergrund. Eine Maßnahme alleine und auch eine verbesserte Zuwanderungspolitik können für ihn nicht ausreichen, um die Demografie-Probleme zu lösen.

„Ohne Fachkräftenachwuchs keine Wettbewerbsfähigkeit“

Der Unternehmer Alfred Clouth, der auch Präsident der Industrie- und Handelskammer Offenbach ist, machte in seinem Beitrag deutlich, dass die Zeit reif zum Handeln sei. Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik brauchen Fachkräfte, die alleine aus Deutschland heraus nicht mehr zur Verfügung stehen. Für ihn sei dabei die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ein zentrales Thema. „Dieses Potenzial von ca. 200.000 Menschen zu nutzen sei eine wichtige Aufgabe“, erklärt Clouth. Um ein bundesweit einheitliches Verfahren zur Anerkennung von Bildungsabschlüssen zu etablieren, hat der Deutsche Industrie und Handelskammertag deshalb in Nürnberg eine zentrale Einrichtung gegründet.

Gunar Heinsohn, Wissenschaftler und Publizist, legte im Rahmen der Diskussion mehrfach den Finger in die Wunde. Er machte an mehreren Beispielen erfolgreicher Einwanderungspolitik anderer Länder deutlich, dass Deutschland bereits heute im Wettbewerb um die klügsten Köpfe im Hintertreffen sei. Die Wanderungsbilanz für Deutschland sei nämlich derzeit negativ, für Hessen lediglich leicht positiv. Problematisch dabei sei, dass tendenziell gerade die gut qualifizierten jungen Menschen Deutschland verlassen, während weniger Qualifizierte zuwandern. Die Anreizsysteme einiger Länder mit einer aktiven Zuwanderungspolitik seien deutlich ausgeprägter als in Deutschland. „Wer in den USA die Zulassung für ein naturwissenschaftliches Studium schafft, bekommt gleich die Staatsbürgerschaft mit angeboten“, betont Heinsohn.

Frank Martin machte in der Diskussionsrunde am Beispiel der Greencard deutlich, dass Deutschland in der Tat nicht unbedingt das bevorzugte Einwanderungsland für junge Menschen aus anderen Staaten sei. Bisher sei es nicht gelungen, so Jörg Uwe Hahn in einem Statement, eine durchaus vorhandene positive Grundstimmung für Deutschland in konkrete Marketingmaßnahmen zu übersetzen. Hier stehe man noch am Anfang der Bemühungen. Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände schlägt vor, die englische Sprache in den Unternehmen stärker als Arbeitssprache zu nutzen. Dies erzeugte Widerspruch im Publikum: Man müsse in einer Sprache auch ein wichtiges Kulturgut sehen, betonte ein Teilnehmer.

Osman Ulusoy erklärte als Vertreter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) dass es wichtig sei, den Fokus nicht ausschließlich auf akademischen Nachwuchs zu richten. Es müsse gelingen, auch gut ausgebildete Facharbeiter, etwa für den Schichtdienst zu gewinnen. Auch der neue Wirtschaftsminister Florian Rentsch machte deutlich, dass es darum gehen müsse, an mehreren Stellschrauben gleichzeitig zu drehen.

Weiterführende Literatur:

Meinungsbilder – Zur Wahrnehmung von Zuwanderung und Integration in Hessen 2011, Hessisches Ministerium der Justiz, für Integration und Europa

Bildungswelten – Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Hessen (Schuljahr 2010/2011, Hessisches Ministerium der Justiz, für Integration und Europa

Veröffentlicht in Demografie, Fachkräftesicherung
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