Die Chemie-Tarifrunde und der Demografie-Tarifvertrag – zündet Stufe Drei?

Mein letzter Blog-Beitrag (28. November – Der Lotsendienst in Krisenzeiten) ist schon so lange her, dass ich ihn beinahe mit dem Fernglas suchen muss. Die Kurzbegründung dafür liest sich so:

Erkältung – Weihnachten / Urlaub – Vorbereitung Lehrgang Gesundheitsmanagement – Infekt – Vorbereitung Chemie-Tarifrunde – Umstellung des Demografie-Blog auf unseren Corporate-Blog – Erkältung usw.

Gott sei Dank strahlt die Sonne jetzt über Wiesbaden und dieser Winter verschwindet mit seinen Rotznasen, seinem Husten und Fieber für immer im Buch der Geschichte! Woran es wahrlich nicht fehlt sind spannende Themen über die ich hier berichten möchte, allen voran die aktuelle Chemie-Tarifrunde (Wiesbadener Kurier vom 11.03.2015 – Industriegewerkschaft informiert über Tarifrunde). Denn hier steht die Demografie erneut auf der Agenda – zumindest auf der Agenda einer Verhandlungspartei. Wobei ich das so auch nicht sagen möchte. Sie sehen, es ist nicht ganz einfach…

 

Stufe 1: Eine neue Kategorie Tarifvertrag

Vielleicht kann ich die augenblickliche Lage besser erklären, indem wir nochmals zurückzublicken, nämlich ins Jahr 2008, als der Demografie-Tarifvertrag für die ca. 550.000 Beschäftigten der chemischen Industrie ins Leben gerufen wurde. Ein großer Wurf qualitativer Tarifpolitik, so war man sich einig, also jener Vereinbarungen zwischen BAVC und IG BCE, die sich nicht auf eine Prozentzahl der Entgelterhöhung reduzieren lassen.

Der Grundidee von Demografie-Tarifverträgen haben sich seitdem – in verschiedenen Ausprägungen – unterschiedliche Branchen und Konzerne angeschlossen: Die Deutsche Bahn ist mit einem eigenen Tarifvertrag am Start und auch die Volks- und Raiffeisenbanken haben Regelungen mit Demografiebezug gebündelt; der Handel tastet sich mit der Gründung eines Beirats etwas vorsichtiger voran. Der folgende Überblick arbeitet die aktuell bestehenden Demografie-Tarifverträge nochmals systematisch auf und ist dieser INQA-Publikation entnommen.

Überblick Demografie-Tarifverträge

Quelle: Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) – Tarifverträge zur Gestaltung der Qualität der Arbeit

Die bei der Umsetzung des Chemie-Demografietarifvertrags gesammelten Erfahrungen waren auch ein wesentlicher Auslöser für die Gründung unseres Demografie-Blogs (ehemals blog-demografie.eu), der jetzt Bestandteil unseres Corporate Blogs ist. Denn wir wollten und wollen öffentlich teilen, welchen Weg die Chemie bei einem zukunftsweisenden Thema wie dem Umgang mit demografischen Veränderungen im Betrieb geht. Meine Kollegen aus der Kommunikationsabteilung würden vermutlich sagen, dass jetzt die Zeit für den Satz gekommen ist: „Tue Gutes und rede darüber!“ Also: „Tue Gutes und rede darüber“, das war und ist immer noch der Ansatz.

 

Stufe 2: Arbeitszeit in verschiedenen Lebensphasen

Die Umsetzung des Demografie-Tarifvertrags wurde genau erhoben und bewertet, bei den Tarifverhandlungen 2012 wurde dann erneut Hand an die Demografie-Baustelle gelegt: Neue Modelle zu Gestaltung der Arbeitszeit in bestimmten Lebensphasen erblickten das Licht der Welt. Wie die Umsetzung dieser Ideen konkret ausgesehen hat, habe ich ebenfalls im Blog beschrieben (Von Menschen und LebensphasenAtempause im Alltagsstress).

 

RV 80 Lebensphasen

Quelle: Auszug aus dem Jahresbericht der HessenChemie 2013

 

Und heute? Die Chemie-Tarifrunde 2015 und die Demografiefrage

Womit ich wieder dort wäre, wo wir heute stehen, nämlich unmittelbar vor der zweiten Bundesrunde der Tarifverhandlungen am 12. und 13. März in Neuss und der Frage, wie es mit den Demografie-Themen in der Chemie weitergeht. Unterschriftsreif ist jedenfalls schon die folgende Aussage:

Die Sozialpartner der Chemie halten den Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ für eine wichtige Errungenschaft.

Danach wird es schwieriger, denn wie in diesem resümierenden Artikel dargestellt (29. 01.2015 – Die Alterung per Tarifvertrag abfedern), hängt die Durchschlagskraft von Demografie-Tarifverträgen zu einem guten Teil auch am zur Verfügung gestellten Budget. Welches wiederum an der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage der Branche hängt. Worüber man sich trefflich auseinandersetzen kann. Kurz gesagt: Auch zukunftsweisende Errungenschaften haben ein Preisschild, das neben dem (individuellen) Entgelt verhandelt werden will.

Erfolgreichen Weg fortsetzen

Das ist aber noch nicht alles – die Diskussion entfacht sich auch daran, ob der 2008 gemeinsam eingeleitete Mentalitätswandel mit der jetzigen Forderung der Gewerkschaft nach einer Vier- und Drei-Tage-Woche ab dem 60. Lebensjahr nicht konterkariert wird. Hans-Carsten Hansen, Verhandlungsführer der Arbeitgeberseite, entgegnet dass es vielmehr darum gehe,

…die Beschäftigungsfähigkeit über das gesamte Erwerbsleben zu fördern und zu erhalten. Wir wollen dadurch eine längere Beschäftigung ermöglichen und fördern.

Was können Sie in den nächsten Wochen also in diesem Blog erwarten? Ich werde über mögliche Verhandlungsergebnisse berichten und ggf. darüber, wie wir diese mit unseren Mitgliedsunternehmen umsetzen. Genau wie beim Lebensphasenmodell soll dies kein „Insider-Geschäft“ bleiben, auch wenn morgen zu Beginn der Tarifverhandlungen erst einmal die Türen geschlossen werden. Vielleicht wissen wir in zwei Tagen bereits mehr – Habemus Abschluss?

Veröffentlicht in Demografie, Fachkräftegewinnung, Fachkräftesicherung, Verschiedenes

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