Maßgeschneiderte Arbeitszeitmodelle: Haute Couture oder Prêt-à-porter

Unternehmen in Deutschland sehen sich zunehmend dem Konkurrenzdruck durch große, weltweit agierende Firmen ausgesetzt. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen wird es immer schwieriger, gutes und qualifiziertes Personal zu recruitieren und zu halten. Das wirft die Frage auf, welche Vorteile große Unternehmen ihren Arbeitnehmern bieten können bzw. warum gerade sie attraktiver sind.

Mit dieser Fragestellung hat sich die Firma TRUMPF beschäftigt, deren Standorte in Ditzingen, Gerlingen und Hettingen liegen. Zugegebenermaßen, diese Städte hören sich im ersten Moment nicht allzu interessant an. Dafür ist es das Konzept, was die Firma entwickelt hat, umso mehr. Es bietet sowohl jungen Leuten, die gerade vor dem Anfang ihrer Karriere stehen, als auch erfahrenen Berufstätigen eine individuelle, flexible und wählbare Arbeitszeitgestaltung, bei der auch die Altersvorsorge und die Gesundheitsförderung nicht zu kurz kommen.

Man kann zwischen den verschiedensten Möglichkeiten wählen:

  • egal, ob man sich als Berufseinsteiger erst einmal beweisen möchte und dabei die Basisarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche wählt,
  • sich in der Elternzeit befindet oder sich mehr auf die Familie konzentrieren will und über die Wahlarbeitszeit seine Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche oder weniger reduziert
  • gerade eine Weltreise plant und dafür ein halbes Jahr aussetzen möchte
  • oder eine Auszeit für eine Qualifizierung von bis zu 2 Jahren benötigt, z.B. für einen Master-Abschluss.

Über die gewünschte Wahlarbeitszeit entscheidet der Mitarbeiter alle zwei Jahre auf Grund der aktuellen persönlichen Situation und in Abstimmung mit den betrieblichen Belangen neu. Er kehrt dann entweder zur arbeitsvertraglich geregelten Basisarbeitszeit zurück oder wählt wiederum für zwei Jahre eine abweichende Arbeitszeit.

Ein weiterer Baustein zur Flexibilisierung der individuellen Arbeitszeit ist das sogenannte Trumpf-Familien- und Weiterbildungskonto. Bis zu 1.000 Stunden können Mitarbeiter aus ihrer regulären Arbeitszeit auf das TFW-Konto „einzahlen“ und später für Freizeitblöcke von sechs Wochen bis sechs Monaten abrufen. Eine längere Auszeit, zum Beispiel für den Master-Abschluss, ermöglicht ein Sabbatical. Wer bis zu zwei Jahre für die Hälfte des Lohns arbeitet, kann dann für denselben Zeitraum nicht arbeiten – aber weiterhin die Hälfte des Lohns beziehen. Diese Auszeit ist sowohl vor und als auch nach der „Arbeitsphase“ möglich.

Die zielgerichtete, strukturierte und an den Kompetenzen der Fachbereiche orientierte Qualifizierung der Mitarbeiter hat bei TRUMPF einen hohen Stellenwert. Jedem Mitarbeiter steht ein Weiterbildungsanspruch von mindestens 25 Stunden pro Jahr zu.

Auch die betriebliche Altersvorsorge hat das Konzept im Blick. Jeder Mitarbeiter darf entscheiden, ob er bis zu zwei Stunden pro Woche zusätzlich leisten und in die betriebliche Altersvorsorge einbringen will. Darauf zahlt TRUMPF einen Zuschuss von 12,5 % und eine jährliche Verzinsung von 4,25 %. Oder man nutzt die Option, sich die zusätzlichen Stunden monatlich auszahlen zu lassen.

Das Baukastenprinzip bietet den Mitarbeitern einen erheblichen Grad an Gestaltungsfreiheit. Sie können ihr Arbeitszeitmodell für befristete Perioden an die ganz persönliche Lebenssituation anpassen. Vor allem für die potenziellen Arbeitskräfte von morgen erscheint dieses Konzept als besonders interessant. Weltreise, Babypause, ein nachzuholender Masterabschluss,  Hausbau, die intensive Pflege eines Krankheitsfalls in der Familie, für alles gibt es eine Lösung. Wo sonst bekommt man solche Möglichkeiten geboten?!

Alles in allem ist dies ein sehr zukunftsfähiges Konzept, das es wert ist, von weiteren Firmen aufgegriffen, angewandt und weiterentwickelt zu werden. Natürlich werden wir das für Sie im Auge behalten und das Thema weiter verfolgen.

 

Sabine KönigAutorin dieses Beitrages ist Sabine König. Die Dipl.-Ing. ist Referentin Arbeitswissenschaften im Arbeitgeberverband HessenChemie und berät Unternehmen zu den Themen flexible Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsgestaltung, Arbeitsbewertung sowie. Betriebs- und Arbeitsorganisation.

Veröffentlicht in Arbeitsorganisation, Demografie
Tags: , ,

3 Antworten zu “Maßgeschneiderte Arbeitszeitmodelle: Haute Couture oder Prêt-à-porter

  1. Danke für den Beitrag! Ich sammele für meine Hausarbeit verschiedene Informationen und Meinungen um das Thema „Arbeitszeitmodelle“. Neulich habe ich noch über das Prinzip „Gleicher Lohn- weniger Arbeit“ gelesen. In Iherm Artikel ist das aber nicht erwähnt. Gibt es nicht viele Unternehmen, die solche Arbeitszeitmodelle umsetzten versuchen?
    Quelle: http://www.marktundmittelstand.de/nachrichten/strategie-personal/weniger-arbeit-gleicher-lohn/

    • Hallo Marina,
      danke für Ihr Interesse und den interessanten Link. Bei den dort aufgeführten Beispielen wird – im Unterschied zur Überschrift – ja nicht zum gleichen Lohn weniger gearbeitet, sondern die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit wird anders verteilt. Solche Modelle werden unter dem Begriff „flexible Arbeitszeitverteilung“ in vielen Unternehmen gelebt. So können planbar z.B. saisonale Schwankungen ausgeglichen werden oder durch die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit das Wochenvolumen anders verteilt werden. Wichtig ist bei solchen Regelungen immer, dass hier die gesetzlichen und ggf. tariflichen Bestimmungen eingehalten werden und dass der Betriebsrat den Lösungen zustimmen muss.
      Interessant finde ich das Beispiel des sächsischen Unternehmens im Umgang mit Minusstunden, das ich so in der Praxis tatsächlich noch nicht angetroffen habe.
      Viel Erfolg bei Ihrer Hausarbeit!
      Viele Grüße, Sabine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*