Deutsche sehen sich als Weltmeister

Die deutsche Wirtschaft gibt sich in Sachen Industrie 4.0 selbstbewusst. Wie der erstmals erhobene „Deutsche Industrie 4.0 Index“ zeigt, reklamieren die heimischen Unternehmen auf dem Weg zur „Smart Factory“ die globale Pole Position für Deutschland. Nur Japan und die USA entwickeln sich zumindest annähernd gleichwertig – so das Urteil der deutschen Firmen. China ist aus ihrer Sicht einigen Industrienationen schon dicht auf den Fersen.

An der im Auftrag der Unternehmensberatung Staufen durchgeführten Studie nahmen 140 Industrieunternehmen vorwiegend aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, der Elektro- sowie der Automobilindustrie teil. „Bei den Gesprächen in den Werkshallen und Konstruktionsbüros unserer deutschen Kunden ist das Selbstbewusstsein, sich beim Thema Industrie 4.0 nicht verstecken zu müssen, ganz deutlich zu spüren“, sagt Thomas Rohrbach, Business Unit Leiter der Unternehmensberatung Staufen AG. „Allerdings haben bisher nur relativ wenige Pionierunternehmen dieses Zutrauen in die eigene Stärke schon in operative Projekte umgesetzt.“ Die überwiegende Mehrheit haben sich allerdings entweder noch nicht konkret mit dem Thema beschäftigt oder sehen sich eher noch in der Beobachterrolle (73%).

„Das auf den ersten Blick vielleicht widersprüchliche Bild zwischen dem Anspruch Weltspitze und der operativen Umsetzungsquote von Industrie 4.0 ist leicht zu erklären“, sagt Staufen-Berater Rohrbach. „Der Weg zur Smart Factory oder sogar zum komplett vernetzten Unternehmen ist nämlich mehr Evolution denn Revolution. Die deutsche Industrie hat ihre Prozesse in Produktion, Entwicklung und Verwaltung in den vergangenen Jahren als fortlaufende Aufgabe erheblich verschlankt (Lean Management). Die Entscheider nahmen häufig gar nicht wahr, damit bereits Vorbereitungen in Richtung Industrie 4.0 getroffen zu haben. Das Fundament für den nächsten Entwicklungsschritt zur „Smart Factory“ – wir sprechen in diesem Zusammenhang von Lean 4.0 – herzustellen, wird eine wesentliche Aufgabe der deutschen Unternehmen in 2015 sein.“

Dazu passt die Meldung, dass Baden-Württemberg Ende September 2014 als erstes Bundesland die Gründung einer „Allianz 4.0“ verkündet hat, die die Industrie in die Zukunft der Produktion begleiten soll. Neben den vom Bund investierten 220 Millionen €für Forschung und Entwicklung stellt Baden-Württemberg nun weitere 5 Millionen € aus Landesmitteln bereit, um Industrie 4.0 Projekte im Ländle zu initiieren. Gesetzt dabei auf 2 Strategien: zum einen auf die Entwicklung intelligenter Mechatronik als Antwort der Smart Factory an eine höhere Flexibilität bei gleichzeitig verbesserter Ergonomie und Arbeitssicherheit, zum anderen auf eine durchgehende Vernetzung von Systemen, um neuartige Produktionsprozesse zu ermöglichen oder mit Lösungen in Bereiche vorzudringen, in denen eine Automatisierung bislang zu komplex oder zu teuer war, z.B. bei Handarbeitsplätzen.

Treiber für eine solche Entwicklung ist natürlich auch das in den Vordergrund rückende Bewusstsein des einsetzenden demografischen Wandels, der es erforderlich macht, dass Mitarbeiter möglichst lange ihren Beruf ausüben können. Intelligente Lösungen z.B. im Montagebereich wie das Zusammenspiel von Trittmatten, Türschaltern, Lichtvorhängen oder 3-D-Kameras zur Raumüberwachung mit speziellen Safety-Greifsystemen, mit denen es erstmals möglich ist, abgestufte Schutzzonen zu definieren, ohne dass der Produktionsprozess bei zu engem Mensch-Maschine-Kontakt durch Notabschaltungen komplett unterbrochen wird.

Wie sich die Chemie sich zum Thema positioniert und welche Meilensteine auf diesem Weg bereits absolviert sind, darüber kann sich der interessierte Leser gerne live informieren auf der Fachtagung der REFA – Branchenorganisation Chemie. Am 19.11.2014 heißt es in Dortmund „Herausforderung Flexibilität – Antworten aus der Praxis“.

 

Sabine KönigAutorin dieses Beitrages ist Sabine König. Die Dipl.-Ing. ist Referentin Arbeitswissenschaften im Arbeitgeberverband HessenChemie und berät Unternehmen zu den Themen flexible Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsgestaltung, Arbeitsbewertung sowie. Betriebs- und Arbeitsorganisation.

Veröffentlicht in Arbeitsorganisation, Demografie
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2 Antworten zu “Deutsche sehen sich als Weltmeister

    • Sehr geehrter Gunnar, danke für den berechtigten Hinweis. Ja, das Thema hält längst Einzug in die Industrie, allerdings ist die Vorreiterrolle nicht mit Mittelständlern besetzt. So haben sich u.a. Bosch, Siemens, Festo, Daimler und Volkswagen mit der Wissenschaft in gemeinsamen Projekten zusammengeschlossen. Unternehmen, die auch schon im Lean Management eine Vorreiterrolle gespielt haben und sich in diesem Zusammenhang intensiv mit Produkten und Prozessen auseinandergesetzt haben. Geht Industrie 4.0 auch ohne dieses Vorwissen?
      Viele Grüße,
      Sabine König

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