Arbeiten im digitalen Wandel

Die Technik bietet den Menschen immer neue Informationsquellen und veränderte Produktionsprozesse. Aber führt die Digitalisierung auch zu größerer individueller Freiheit und zu neuen Arbeitsplätzen?

Das Schlagwort „Industrie 4.0“ steht für die intelligente Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden. Bild: Fraunhofer/Bitkom

Das Schlagwort „Industrie 4.0“ steht für die intelligente Vernetzung von Produktentwicklung, Produktion, Logistik und Kunden. Bild: Fraunhofer/Bitkom

 

Der seit 2006 jährlich stattfindende „Nationale IT-Gipfel“ stand diesmal unter dem Motto, „Arbeiten und Leben im digitalen Wandel – gemeinsam.innovativ.selbstbestimmt“ und brachte Politik, große Unternehmen und Internetbranche zusammen. Damit wollte die deutsche Politik zeigen, dass es für sie kein Randthema mehr ist. Gut ins Konzept passt dabei auch, dass sich mit Günther Oettinger bald ein deutscher EU-Kommissar in Brüssel europaweit um das Thema kümmert. Doch was heißt das konkret?

Im Kern ging es erst einmal darum, Handlungsfelder und Maßnahmen zu benennen – wie z.B.

  • den Ausbau des Breitbandnetzes in Deutschland, um flächendeckend ein schnelles Internet zu ermöglichen
  • die Auswirkung auf Arbeit und Beschäftigung bei allen digitalen Prozessen und damit verbundene Fragen der Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung
  • die Bedarfe von Ausbildung und Weiterqualifizierung auf neue Inhalte und Anforderungen zu untersuchen und bei Bedarf zu modernisieren.

Die Bundesregierung förderte im Rahmen des F&E-Programms „Autonomik für Industrie 4.0“ bislang Projekte mit mehr als 120 Millionen Euro und hat für die laufende Begleitforschung zum Thema Zukunft der Arbeit in Industrie 4.0 weiteres Geld in Aussicht gestellt.

Interessanterweise spielt der Begriff Industrie 4.0 in der chemischen Industrie eine geringere Rolle als in anderen Branchen, die anvisierten Prozessinnovationen laufen unter Begriffen wie „Intelligente Fabrik“ oder „Optimierung bzw. Flexibilisierung der Produktion“. Nach Einschätzung einer Studie des VDI Technologiezentrums und der Hans Böckler Stiftung sind in der chemischen Industrie keine Innovationsprünge, sondern tiefgreifende inkrementelle Prozessinnovationen und sozio-technische Innovationen zu erwarten, die sich über mehrere Jahre bzw. Jahrzehnte entwickeln werden. Dr. Volker Damrath vom CWK Chemiewerk Bad Köstritz, einer der Experten, die die Studie begleiteten, beschreibt die Einsatzpotenziale von Industrie 4.0 so: „In der Chemiebranche ist es wichtig, die Prozesse von der Bestellung und Lieferung der Rohstoffe über die Fertigstellung und Auslieferung kontinuierlich und störungsfrei zu gestalten. Dazu wird ein Werkzeug benötigt, das die Produktion basierend auf Messwerten steuert. Sensoren würden die Daten zur Weiterverarbeitung aufnehmen. Dies erlaubt mir zu wissen, welche Zwischenstufe an welcher Stelle mit welcher Qualität vorliegt, und gestattet mir entsprechende Eingriffsmöglichkeiten. Für mich sind das die ersten Dinge, mit denen Industrie 4.0 die Chemiebranche unterstützen kann.“

Bei all dieser Technik stellt sich die Frage: Was wird aus dem Menschen? Welche Rolle spielt der Beschäftigte in der Industrie 4.0?

Eine größere als bisher, glaubt Detlef Zühlke von der IG Metall. „Der steigende Automatisierungsgrad, der mit Industrie 4.0 erreicht wird, kann zu neuen Freiräumen führen. Zu einer kreativeren Arbeit als heute.“ Voraussetzung dafür sei allerdings, dass das Qualifikationsniveau der Beschäftigten steige. Grundsätzlich seien zwei Richtungen der Entwicklung denkbar, führt Prof. Dr. Lars Windelband, Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd auf der 6. Engineering- und IT-Tagung der IG Metall zum Thema „Die digitale Arbeitswelt gestalten!“ aus.

  1. Im „Automatisierungsszenario“ lenkt der Rechner sämtliche Produktionsprozesse degradiert „Fachkräfte“ zu „Hilfskräften“. Die Mitarbeiter wären vernetzte Rädchen in einer unmenschlichen Cyberfabrik, ohne nennenswerte Handlungskompetenzen.
  2. Im „Werkzeugszenario“ lenken die Fachkräfte die Industrie 4.0. Es steigt der Bedarf an Überblickswissen und das Verständnis über das Zusammenspiel aller Akteure im Geschäftsprozess. Das neue Berufsbild des „Prozesscontrollers“ sei zur Steuerung nötig, weil der Gesamtprozess für den einzelnen Mitarbeiter nicht mehr durchschaubar sei. Das Arbeitsvolumen der Beschäftigten werde sinken, die Qualitäts- und Kompetenzanforderungen für die verbleibenden Akteure steigen.

Noch gibt es zu wenig Erfahrung, zu wenig Anwendungsfälle. Unternehmen, Gewerkschaften und Beschäftigte haben viel zu tun, um diese Fragen zugunsten der Menschen zu entscheiden. Sie müssen Arbeitsplätze und betriebliche Weiterbildung mitgestalten und Regeln setzen. Fakt ist aber: Mensch und Maschine rücken enger zusammen. Wie nahe sie sich dabei kommen, kann man bei DMG Mori Seiki in Bielefeld sehen. Mit „Celos“ hat der Werkzeugmaschinenbauer ein System entwickelt, mit dem es möglich ist, von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt sämtliche verfügbaren Planungs-, Prozess- und Maschinendaten zu bearbeiten; mit der Touchpad-Oberfläche können Daten verwaltet, dokumentiert, visualisiert werden. Ausgerüstet mit Apps wie beim Smartphone, kann der Beschäftigte komplexe Aufgaben erledigen. Die Software ermöglicht eine individuelle Konfiguration von Aufträgen. Das Umrüsten der Maschine, das Bearbeiten von Aufträgen geschieht im Dialog zwischen Mensch und Maschine – „menügeführt“, wie Christian Thönes, Vorstand für Produktentwicklung, Produktion und Technologie bei DMG sagt. „Durch eine intuitive Benutzerführung kann jeder mit Celos innerhalb von vier, fünf Stunden eine Werkzeugmaschine bedienen. Auch Untrainierte können schnell an komplexe Aufgaben herangeführt werden.“ Thönes glaubt allerdings nicht, dass die Anforderungen an Beschäftigte dadurch drastisch reduziert werden. „Wir werden gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte brauchen“, sagt er, „noch deutlich mehr als bisher.“ Zwar werde das Bedienen der Maschinen einfacher, zugleich aber müsste ein Maschinenbauingenieur zukünftig „in ganzen Prozesssystemen“ denken.

 

Sabine KönigAutorin dieses Beitrages ist Sabine König. Die Dipl.-Ing. ist Referentin Arbeitswissenschaften im Arbeitgeberverband HessenChemie und berät Unternehmen zu den Themen flexible Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsgestaltung, Arbeitsbewertung sowie. Betriebs- und Arbeitsorganisation.

Veröffentlicht in Arbeitsorganisation, Demografie
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