Arbeit flexibel gestalten mit Doodle

Viel wurde in den letzten Monaten über Industrie 4.0 geredet und geschrieben, nicht zuletzt auch in unserem Blog. Über Herausforderungen durch zunehmende Intensität des Wettbewerbs, zunehmende Produktkomplexität, kleine Losgrößen – steigende Volatilität eben. Naja, werden jetzt einige sagen, damit haben wir uns in den letzten Jahren auch schon beschäftigen müssen. Richtig, aber unter anderen Voraussetzungen und – ich glaube das ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt – mit einer anderen Beteiligung der Mitarbeiter.

Das Fraunhofer – Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation beschäftigt sich mit vielen verschiedenen Einflüssen, Bedingungen und Auswirkungen der Veränderung in der Arbeitswelt. Spannend finde ich dabei die Erkenntnisse rund um die Flexibilisierung von Arbeitszeit.

Unbenannt

 

Geht es in den unseren Arbeitszeitberatungen meist um Fragen der Mitbestimmung bei flexiblen Arbeitszeiten und Arbeitseinsätzen, wird die Zukunft eher Fragen der Abstimmung und Kooperation untereinander in den Vordergrund stellen. Diese Erkenntnis ist eines der Ergebnisse aus dem Projekt »KapaflexCy«. In diesem Projekt erforscht das Fraunhofer IAO gemeinsam mit neun weiteren Partnern einen hochflexiblen Personaleinsatz und entwickelt eine App, mit der Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten kurzfristig, eigenverantwortlich und selbstbestimmt untereinander koordinieren. Wie funktioniert so etwas? Dazu nutzen sie eine Art »Schicht-Doodle«, der sie über Arbeitseinsätze informiert, die von der Regelarbeitszeit abweichen.

KapaflexCy

Werden z.B. drei Mitarbeiter für eine zusätzliche Schicht am Samstag gesucht, wird eine etwa doppelt so große Gruppe von Mitarbeitern angefragt. Diese einigen sich nun untereinander, welche Mitarbeiter die Zusatzschicht übernehmen. Direkt auf ihrem Smartphone checken sie ihre privaten Kalender, telefonieren mit Familienmitgliedern oder chatten mit Kollegen und entscheiden so, ob die anstehenden flexiblen Arbeitseinsätze zu ihren privaten Belangen passen. Ihre persönliche Verfügbarkeit teilen sie über die App mit und stimmen der Einsatzanfrage zu oder lehnen diese ab. Das geht schnell, einfach und ist transparent. Unternehmen können flexibel reagieren, Mitarbeiter einen hohen Grad an Arbeitszeit flexibel selbst bestimmen.

Einen Wunsch, den ein Großteil der Arbeitnehmer in Deutschland hat. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest die Studie Bewerbungspraxis 2014, die vom Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Universitäten Bamberg und Frankfurt am Main jährlich zusammen mit dem Karriereportal Monster veröffentlicht wurde. 85,5 Prozent der Befragten finden es gut, ihre Arbeit flexibel zu gestalten und selbst zu beeinflussen. Die Unternehmen selbst bezeichnen die flexible Arbeitszeitgestaltung als eine der Schlüsselherausforderungen der Zukunft. Es ist eine der wichtigen Maßnahmen, um in Zeiten des Fachkräftemangels Bewerber für sich zu gewinnen.

In einem meiner Blogbeiträge habe ich, ausgehend von einer Studie der Hans Böckler Stiftung und des VDI darauf verwiesen, dass die Industrie 4.0 in der chemischen Industrie noch nicht hinreichend angekommen ist. Wie heißt es aber so schön: Keine Regel ohne Ausnahme. Denn in Sachen Arbeitszeitflexibilisierung spielt eines unserer Mitgliedsunternehmen jetzt ganz weit vorne mit. Derzeit entwickelt das Unternehmen Technoform Glass Insulation am Standort Lohfelden ein Modell, bei dem Mitarbeiter der Produktion ihre Arbeitszeiten eigenständig verwalten. Stempeluhren gibt es schon seit Jahren nicht mehr und zwar komplett für alle Mitarbeiter, im Büro und in der Produktion. Die gesammelten Erfahrungen sind positiv und führten lt. Thomas Wedekind, Geschäftsführer, weder zur Ausbeutung von Mitarbeitern oder unbezahlten Überstunden noch wurde festgestellt, dass Mitarbeiter die Vertrauensarbeitszeit ausnutzen und Stunden abrechnen, die nicht geleistet wurden. Dieses beiderseitige Vertrauen war eine gute Grundlage für das Projekt Technoform Total Cooperative Selfmanagement, kurz TTCS, für eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung in der Produktion. Dazu unterhielt sich Chemanager mit dem Thomas Wedekind. Das ausführliche Interview finden Sie hier.

Welches Ziel hat das TTCS Projekt?

  1. Wedekind: TTCS ist mehr als ein Arbeitszeitmodell, es ist ein Arbeitsmodell, bei dem Mitarbeiter in der Produktion sich selbst managen. Im Office-Bereich setzen wir das bereits um. Das heißt, ein Mitarbeiter kommt morgens um sechs Uhr, der andere geht abends um sieben und dazwischen organisiert sich das Team selbst. Lange Zeit war man der Meinung, dass diese Selbstorganisation in der Produktion nicht funktioniert, weil die Maschine bzw. der Kunde den Takt vorgibt. Vor etwa eineinhalb Jahren haben wir in einem Pilotprojekt an unserem Standort Lohfelden angefangen, den Schichtbetrieb aufzulösen. Zunächst nur für eine kleine Gruppe von zwölf Mitarbeitern, die sich seitdem ihre Arbeitszeit eigenverantwortlich entsprechend der Kundenwunschtermine organisiert.

Wie verlief das Projekt seitdem?

  1. Wedekind: Anfangs haben die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten über eine gemeinsame Whats App Gruppe abgesprochen. Als das Team größer wurde, funktionierte dies nicht mehr. Inzwischen haben wir ein Tool entwickelt, dass den Mitarbeitern als Kommunikationsplattform dient und ihnen alle notwendigen Infos zu Aufträgen und zur Personalplanung zur Verfügung stellt. Die Projektteilnehmer haben relativ schnell ihren persönlichen Nutzen erkannt. Sie konnten sich ihre Zeit einteilen, um zum Beispiel mittags einkaufen zu gehen oder morgens später zur Arbeit kommen. Dabei bietet die Flexibilität bei der Arbeitseinteilung insbesondere Chancen für junge Mütter in der Produktion. Derzeit haben wir zwei Mütter, eine mit Zwillingen, die an dem Projekt teilnehmen. Alle Teilnehmer haben allerdings auch schnell erkannt, dass dieses Arbeitsmodell ein hohes Maß an Vertrauen im Team erfordert und auf Geben und Nehmen basiert.

Der Begriff Mitarbeiterbeteiligung bekommt so eine ganz neue Facette. Ich finde, er hat es verdient.

 

Sabine KönigAutorin dieses Beitrages ist Sabine König. Die Dipl.-Ing. ist Referentin Arbeitswissenschaften im Arbeitgeberverband HessenChemie und berät Unternehmen zu den Themen flexible Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsgestaltung, Arbeitsbewertung sowie. Betriebs- und Arbeitsorganisation.