2014: Das Jahr der Berufsorientierung – Schulen und Unternehmen müssen mehr ran

Ich entsinne mich noch an eine Diskussion, die wir von über 15 Jahren im Büro und Freundeskreis geführt hatten. Anlass war das Buch „Die Globalisierungsfalle“, in dem die Autoren eine zunehmende Arbeitslosigkeit aufgrund des höheren Automatisierungsgrades in der Industrie prognostizierten. Ausgangspunkt waren Diskussionen im Rahmen des Weltwirtschaftsgipfels in San Fransisco 1995. Wer hätte damals gedacht, dass uns der demografische Wandel vor einer 20/80-Gesellschaft rettet (20% arbeiten, 80% sind arbeitslos)?

Und hiermit steige ich nun (endlich) in die Blogparade von Jo Diercks mit ein, der das Jahr 2014 zum Jahr der Berufsorientierung ausgerufen hat.

Wir befinden uns im Jahr 2014 und die Zeiten haben sich gewandelt. Viele Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden. Vor allem kleine und mittständische Unternehmen haben im Gegensatz zu großen, bekannten Konzernen das Nachsehen bei den jungen Leuten.

Die meisten jungen Menschen stehen oftmals in der Tat von der Herkulesaufgabe, den für sie richtigen und passenden Beruf zu finden, ganz zu schweigen vom Ausbildungsunternehmen oder der Hochschule. Viele Berufe und Ausbildungsbetriebe sind Schülern, Eltern und Lehrern überhaupt nicht bekannt. Dabei haben wir in Deutschland so unglaublich viele innovative und spannende kleinere und mittlere Unternehmen – auch im hintersten Winkel von Deutschland. In der Regel beeinflussen Eltern und Freunde die Schüler/-innen bei der Berufswahl, aber diese geben auch nur das ihnen selbst Bekannte weiter – und das muss nicht zwangsläufig das Richtige fürs Kind sein.

Ich finde, hier sind vor allem die Schulen, aber auch Unternehmen stärker in der Pflicht (wobei für viele Lehrer Unternehmen in der Schule immer noch Teufelswerk sind). Für mich stehen die folgenden Faktoren für eine zielführende Berufsorientierung:

  • Mehr Berufsinformationstage während der Schullaufbahn
  • Mehr Praktika während der Schullaufbahn (auch mal freiwillig in den Ferien)
  • Ausbildungsplatz- und Praktikumsbörsen auf Schul-Websites
  • Unternehmen stellen sich der Schule vor (Auszubildende berichten in den Klassen von ihrer Ausbildung und dem Unternehmen)
  • Unternehmen sind auf Ausbildungsmessen vor Ort
  • Schulen informieren lückenlos über Ausbildungsmessen in der Umgebung

(Ich will hier gar nicht auf Sichtbarkeit bzw. Employer Branding von KMUs eingehen. Für mich ein Riesenthema, bei dem die Unternehmen noch enormen Nachholbedarf haben.)

Beispiel 1: In Darmstadt findet alljährlich im Januar die hobit (Hochschul- und Berufsinformationstage) statt. Eine wirklich unglaublich informative Messe: Unternehmen und Hochschulen stellen sich vor, und drei Tage lang können sich die Schüler/-innen in Vorlesungen über alles Wissenswerte zu Ausbildung, Beruf, Studium und Karriere in Unternehmen informieren. Aber keines der Kinder meines Freundes- und Verwandtenkreises wird von seiner Schule über diese Messe informiert! Und diese Messe ist echt cool, es geht zu wie an der Uni: überall Vorlesungen, die jungen Leute sitzen in den Gängen und unterhalten oder informieren sich gegenseitig.

Warum geben Schulen diese Informationen nicht weiter? Wissen diese womöglich gar nichts von den Ausbildungsmessen oder sehen sie die Relevanz nicht?

Beispiel 2: In der chemischen Industrie gibt es seit 2 Jahren die Ausbildungskampagne „Elementare Vielfalt“ (ElVi). www.elementare-vielfalt.de informiert über Chemieberufe, zeigt Berufevideos, bietet Bewerbungstipps und verfügt über eine bundesweite Ausbildungsbörse. Sie macht Unternehmen sichtbar (hier fehlt noch die Möglichkeit, sich über Unternehmensprofile den interessierten Schüler/-innen darzustellen), zeigt deren Attraktivität als Arbeitgeber und hilft, die Zielgruppe auf dem richtigen Weg anzusprechen. In Hessen wurde die Initiative mit „ElVi macht Schule“ noch ein Stück weiterentwickelt, indem man Schulen anbietet, auf deren Website ein Ausbildungsplatzportal zu integrieren, in das dann freie Ausbildungsstellen + Praktika veröffentlicht werden. Zielgerichteter kann es gar nicht gehen. Die Initiative fand sogar die Unterstützung des hessischen Kultusministeriums. Schulen, die sowieso sehr engagiert im Bereich der Berufsorientierung sind, haben hier schnell mitgemacht, andere tun sich nach wie vor eher schwer.

Wie Martin Gaedt in seinem Beitrag zur Blogparade zeigt, braucht Berufsorientierung Zeit. Dem stimme ich aus beruflicher und privater Sicht zu 100 Prozent!

Neben mangelnden Informationen zu Berufen und Ausbildungsunternehmen gibt es das andere Extrem, das Gero Hesse in seinem Blog Saatkorn ganz treffend beschrieben hat, nämlich das der Informationsüberflutung. Wo soll der Schüler anfangen zu suchen, welchen Informationen kann er trauen? Neben den klassischen Informationsmöglichkeiten gibt es inzwischen unzählige Azubi-Blogs, Facebookseiten und Ähnliches (ich nehme uns als Chemieverband da gar nicht aus). Insofern finde ich die Initiative von Saatkorn sehr zielführend „unter dem Arbeitstitel ‚careerparcours’ eine Berufs- und Studienorientierungsplattform zu starten, die Anfang des zweiten Quartals 2014 live gehen wird. careerparcours richtet sich an SchülerInnen aller Schulformen und verfolgt für Schüler das Ziel, Orientierung im Berufsdschungel zu schaffen, ein individuelles Netzwerk zu spannenden Arbeitgebern, Verbänden oder Hochschulen aufzubauen“. Ich bin gespannt! Natürlich bringen wir uns als chemische Industrie gerne ein J

Es gibt also noch sehr viele Stellschrauben, an denen wir drehen können und müssen. Ich würde mich freuen, wenn diese Blogparade dazu beitrüge.